Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Zur Frage Disziplin
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Bach zunächst einmal schlicht als Gehorsam bezeichnet. Gehorchen aber kann man nicht an und für sich, sondern nur einem, der befiehlt. Disziplin üben heißt also sich einem Befehl unterstellen. Es ist ein im Grunde passives Verhalten, verlangt Verzicht auf eigenen Willen, eigene Interessen, unter Umständen sogar bewußte Verletzung beider. Dieses Opfer wird nirgends ohne Grund und ohne Prüfung gebracht, denn es bedarf eines Ausgleichs, wenn es nicht zu einer Minderung der Selbstachtung führen soll. Man läßt sich also nur befehlen von einem als vorbildlich anerkannten Menschen, man beschränkt sich selbst im Dienst eines übergeordneten Ganzen, einer Gemeinschaft, einer Idee, Gottes. Nach Art und Umfang der Disziplin lassen sich, von Keilsons Beispielen ausgehend, vier Grundtypen unterscheiden. Die militärische Disziplin setzt in ihrer einfachsten Form zunächst nur einen Feldherrn voraus, dem man sich verpflichtet; der Gehorsam kann, bei Söldnerheeren etwa, sogar zeitlich befristet und an Bedingungen geknüpft werden und beschränkt sich auf das Fachliche des Soldatenhandwerks. (Bei großen Feldherrn wie Napoleon kann sich diese Verpflichtung bis zu bedingungsloser persönlicher Gefolgschaft steigern.) Die soldatische Disziplin ist eine höhere Form: zu der persönlichen Bindung an einen König — das ist das natürliche Verhältnis — tritt die Idee, mit dem Leben für Verteidigung und Macht der. Vaterlandes einzustehen. Die Verpflichtung gilt unbedingt und dauernd, umfaßt aber nur einen Teil der Persönlichkeit, wie die ins Typische gesteigerte Devise eines französischen Ritters zeigt: A Dieu mon äme, mon corps au roi, le coeur aux dames, l'honneur pour moi. Daß und wo dieses Verhalten eine kritische Nachprüfung des Gehorsams in sich schließt, lehrt die Figur des Obristen von Kottwitz in Kleists „Prinzen vom Homburg". Eine noch höhere Art ist die geistliche Disziplin, die mir am deutlichsten in der Jesuitenregel ausgedrückt erscheint. Der Gehorsam geht hier bis zur völligen Abtötung des eigenen Willens, ja der eigenen Persönlichkeit, bei äußerster Steigerung ihrer Kräfte. Nach dem freiwilligen Eintritt ist jede Nachprüfung, jede Kritik ausgeschlossen; der Ausgleich für diesen Verzicht liegt nicht, wie beim Soldaten, in der Ehre, sondern über die Welt hinaus in der Vereinigung mit Gott, dessen Reich dieser Gehorsam schaffen soll. Die Rechtfertigung unbedingten Gehorsams — wobei die irdische Persönlichkeit des Befehlenden keine Rolle spielt — setzt voraus, daß Gottes Wesen und Willen erkennbar und erkannt sind: dieser Gehorsam ist an ein Dogma gebunden. Die höchste Form der Disziplin scheint mir endlich im System der religiösen Gebote des Judentums zu liegen: durch die Vorstellung vom Königtum Gottes in Analogie zur soldatischen Disziplin stehend, streben sie durch die Vorschrift priesterlicher Haltung, ohne jeden irdischen Zweck, zur Ehre des göttlichen Namens die Heiligung der freien mensch- 154