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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 151

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Juden und Disziplin
Date
1936-07-01
Page
151 (sequence 6)
Language
German
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Juden und Disziplin Wortes, wie es sich aus dem Wechselspiel der Pflichten und Rechte der Bürger in einem Staate ergibt Es gibt Menschen, die meinen, die Macht des gemeinsamen Schicksals allein hätte für die Juden genügen müssen, diese Tradition der Disziplin aufzurichten- Doch nach der Verleihung der Bürgerrechte war den Juden die Verantwortung für ihre Gemeinschaft bis auf einen von ihnen selbst stark umkämpften Rest religiös-konfessioneller Zusammengehörigkeit genommen, und die Einrichtung ihres Lebens erfolgte in den von dem Staat vorgeschriebenen, erprobten Wegen, die alle Staatsbürger zu gehen hatten. Die Juden gingen durch die Schule des Heeres, wurden auch Beamte und erfuhren so Organisation und Tradition der hier geprägten Disziplin. Dabei mochten sie merken, daß der Begriff der Ordnung und Disziplin, erwachsen auf Gebieten des Lebens, die ihnen lange verschlossen geblieben waren, ein wesentlich realerer, aktiver gefärbter und strengerer ist als der, den sie bisher in ihrer Gemeinschaft zu entwickeln nötig hatten. Die Juden haben von Natur auf nicht mehr Ordnung und Unordnung im Leibe als alle andern Menschen. Der Einwand des südlich gefärbten Temperaments ist seit dem gelungenen Experiment des italienischen Faschismus als nicht mehr stichhaltig abzulehnen. Jedoch gibt es Völker, wie das deutsche, englische, die diese Tradition der Disziplin besonders herausgebildet haben, so daß sich unter ihnen auch andere Gruppen als die der Juden vergleichsweise undiszipliniert vorkommen müßten. Die Juden haben in dieser neuen Umgebung Wert und Bedeutung dieser Tradition schnell erkennen gelernt und sich zu eigen gemacht. Das Soldatische, das Militärische als Lebensgefühl mag bei ihnen durch den besonderen Lauf ihrer Geschichte verkümmert gewesen sein und deshalb in ihnen und bei andern die Meinung entwickelt haben, es fehle ihnen völlig. Aber da auch sie einstmals in den Anfängen ihrer Geschichte kriegerische Taten vollbracht haben, kann ihnen diese Eigenschaft nicht wesensfremd sein. Sie haben wie alle anderen in diesem Traditionskreis erzogenen Menschen versucht, die hier erworbenen Begriffe in ihr Leben und in den engeren Kreis ihrer noch verbliebenen Gemeinschaft hineinzutragen. Da jedoch im Anprall der alten und der neuen Tradition der Kampf um die Ausgestaltung, die Sinngebung dieser Gemeinschaft nicht abbrach und es Zeiten gab, wo der Zusammenhang der einzelnen Glieder nur lose bestand, trat das oft beschriebene Phänomen der Unsicherheit, Unordnung, Planlosigkeit ein, das sich überall bei Menschengruppen in dieser ungewissen Lage einer im Grunde zerbrochenen, gefährdeten Gemeinschaft zeigt. Wo aber die Vorstellung dieser Gemeinschaft lebendiger bestand, wo sich Menschen zusammenfanden, erzogen seit Generationen in der Organisation der Disziplin, in dieser Gemeinschaft zu leben und sie 151

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