Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Juden und Disziplin
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 150 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895557-2906201--08956-2906241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hans Keilson Übung der gottesdienstlichen Handlung gefordert. Aber trotzdem ist der Ablauf des Kultischen verschieden von dem in der katholischen oder protestantischen Kirche. Dort sind es Massen, disziplinierte Massen, die sich versammelt haben, gemeinsam zu Gott zu beten. Bei den Juden bleibt auch in der großen, geformten Gruppe die Zwiesprache eines jeden Einzelnen mit seinem Gotte. Eine Zwiesprache, die auf alle menschlichen Arten, deren nur ein Individuum fähig ist, auch die ekstatische, gepflogen und gefordert wird. Es ist ein Triumph des Individuellen. Es ist klar, daß aus dieser Verhaltungsweise, die zu einem Lebensstil wurde, nicht die von uns beschriebene, andern Völkern eignende Disziplin erwachsen, noch der sich so verhaltende Mensch einen Typ des Gruppenmenschen abgeben kann. Aber es treten noch andere wesentliche Momente hinzu. Zum Vollzug dieser Disziplin durch kurzes, maschinenähnliches Funktionieren von Befehl und Gehorsam gehört eine gewisse primitive Form der Reaktion, die der Jude nicht mehr besaß. Er besaß sie nicht, weil seine Autoritätsgebundenheit von anderer Art war, weil er reicher an Schicksalsschlägen war als alle übrigen Menschen, zu kritisch, zu leiderfahren, nicht mehr naiv genug. Es gehört dazu das Ausschalten jeder persönlichen Note und Tendenz, gerechtfertigt durch das Ziel, das diese Gruppe sich selbst oder das ihr ihr Führer stellt. Dieses Ziel lag bei den übrigen Völkern stets in der realen Welt, die Religiös-Kirchliches stets mit Staatlich-Politischem verband; es war schon bei seiner Bildung gebunden an den ursprünglich-menschlichen Trieb zu herrschen, Macht zu haben. Alles dieses lag weit ab von der Gruppenbildung, wie sie die Juden hervorzubringen nötig hatten, und weit ab von der Welt ihrer jeweiligen Führer, der Rabbinen. Solange die Juden als inaktive Partner der Geschichte lebten, mochten die aus dem Religionsgesetz stammenden Kräfte und Formen der Organisation zur Disziplinierung und Sicherung der Gemeinde ausreichen. Die Organisation der Synagoge hat sich nie zu einer Bedeutung entwickelt ähnlich der katholischen Kirche. Dazu fehlten in der Diaspora die Voraussetzungen, vor allem der ursprüngliche Zusammenhang zwischen Kirche und Staat, der bei den Völkern bestand, die Staats bildend waren und deshalb eine Tradition der Disziplin herausgebildet haben. Aus dem gleichen Grunde hatten sie keinen eigenen geschlossenen militärischen Verband. In der Totalität des Bezirkes, den das Gesetz umfaßte, kannten sie keine Teilung und Unterscheidung zwischen geistlichem und weltlichem Arm. Sie hatten — und dies ist der eigentlich tiefere Grund —, solange sie im Ghetto lebten und unter einer besonderen staatlichen Gesetzgebung, kein aktives Verhältnis zu dem politischen Bezirk des Lebens überhaupt, politisch in dem Sinne des 150