Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Juden und Disziplin
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 148 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Keilson natürliche Frontenstellung gelangt auf einer höheren Ebene zu einem gegenseitigen Verschmelzen, Durchdringen, — beiden Polen wird Genüge getan in dem Finden in der Mitte, aus dem Kompromiß erwächst das Maß, die Harmonie, der Rhythmus, die Ordnung. Von einem solchen Menschen, in dem sich diese innere Ordnung vollzogen hat, sagen wir: er hat innere Disziplin. Disziplin kann auch aus der Furcht, der Angst, der Unwissenheit geboren werden. Die Disziplin, die wir meinen, ist die Form, die einem aus tiefsten Spannungen entstehenden Inhalt kongruent ist; und diese Form und dieser Inhalt bedürfen einander, um zu sein. Die Religion des Judentums erfaßt diese ambivalenten Spannungen der menschlichen Natur und löst sie als Kompromiß — nicht durch Askese, sondern durch Heiligung. Seine Geschichte berichtet von vielen weisen Männern, die sich diese innere Disziplin erworben haben. Ihre Disziplin, nach außen projeziert als Gehorsam gegen die Gesetze unter Anerkennung der höchsten, göttlichen, einst offenbarten Autorität, ist nicht nur Gehorsam, sondern vielmehr Weisheit und Einsicht in das ordnende, ausgleichende Kräftespiel der Natur. Wenn Erziehung die Entwicklung und Sichtbarmachung der im Menschen liegenden Kräfte und Anlagen bedeutet, so ist die Erziehung zur Disziplin die Wertung und Befreiung der in der Natur des Menschen schlummernden Kraft. Diese Kraft zu entwickeln und am richtigen Ort zu richtiger Zeit einzusetzen, wird ermöglicht durch ein feststehendes Erziehungssystem, das in bestimmten äußeren Formen erhalten ist. Man hat sich leider daran gewöhnt, wenn man von Disziplin spricht, nur dieses äußere System zu sehen. Anknüpfend an das, was wir oben über das dialektische Verhältnis zwischen Innen und Außen sagten, wollen wir diese äußeren Formen weder übernoch unterschätzend darlegen. Überall, wo eine Anzahl Einzelmenschen zu einer Gruppe vereinigt als Gruppe auftritt, ist es zunächstWesen und Eigenschaft dieser Gruppenbildung, daß sie jedem einzelnen den Charakter des Individuellen nimmt. Ihre Wirkung auf dieser ersten Stufe ist vergleichbar der des Alkohols, er lockert Bindungen und Hemmungen, trübt die Wahrnehmung der kontrollierbaren Bewußtseinsvorgänge und zerstört das Bild der geistig-sittlichen Persönlichkeit. Die Disziplin ist nun das Element, das nach Aufrichtung einer sichtbaren oder unsichtbaren Autorität die Überwindung dieser die Masse zuerst negativ kennzeichnenden Tendenzen ermöglicht; sie erst läßt ein Abwickeln der die Gruppe betreffenden Angelegenheiten und der ihr gestellten Aufgaben durch ordnungsgemäßes Verhalten zu. Sie wird erworben durch Einsicht in die die Masse gefährdenden psychologischen Zusammenhänge, bewahrt vor ihnen durch Befehl, Ausführung des Befehles, Zurückdrängimg aller per- 148