Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Juden und Disziplin
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 147 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden und Disziplin alter Tradition und diese Schaffung einer neuen Überlieferung versuchten, und die Kräfte darzutun, die im Spiele waren, diesen Versuch zum Gelingen zu führen. Diese Krisen im Leben der Völker sind nach außen oft angezeigt durch den Ablauf tatsachenschwerer Ereignisse: Revolutionen, Kriege. Die Kräfte, die diese Krisen überstehen ließen, waren in jedem Falle geschlossene Organisationen zur Regelung der äußeren Lebensumstände, mit einer völlig eigenen Tradition an sich: Kirche und Heer. Das Element schließlich, das sie band und schlagkräftig hielt, war die Ordnung, die Disziplin. Unsere engere Fragestellung nun: Disziplin und Juden, rührt von der Beobachtung her, daß noch nie so viel — öffentlich oder in vertrautem Gespräch, berechtigt oder unberechtigt — über diese Frage bei den Juden selbst gehandelt wurde wie im Augenblick. Wo immer, wer immer und was auch immer es sei, — an einem bestimmten Punkt einer Auseinandersetzung fällt dieses Wort in die Debatte, meist im Ton der fast schon überflüssigen Feststellung und des unabänderlichen Geschickes gesprochen. Hieraus soll zuerst einmal der Schluß gezogen werden, daß in der Frage der Disziplin bei den Juden eine Unsicherheit besteht, die sich mannigfach ausweist. Nicht als ob man bestreite, daß es notwendig sei, sie zu halten, zu verlangen und aufzurichten. Der eine will sie persönlich auf das Individuum bezogen wissen, der andere auf die Gruppe, der eine wendet sie auf äußere Verhaltungsweisen an, der andere verbindet damit Forderungen und Wünsche ideeller Art. Eben die Mannigfaltigkeit der Interpretation und die Übersteigerung der Forderung aber beweist die Unsicherheit. Es gibt, grob gesprochen, eine innere und äußere Disziplin, eine individuelle und eine kollektive, aber sie alle enthalten die Disziplin, wie das Brot den Sauerteig enthält. Die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Disziplin könnte außerdem die Untersuchung erschweren und zu Mißverständnissen Anlaß geben, wenn wir nicht zuvor wissen, daß zwischen Innen und Außen ein dialektisches Verhältnis besteht, daß das eine des andern bedarf, um zu sein. Wir sagen von einem Menschen, daß er innere Disziplin hat und verstehen sie als erworben im Kampf zwischen den zwei ambivalenten Kräften im Menschen, die man auf vielerlei Art polar ausdrücken kann: Instinkt — Intellekt, Animalisch — Vernunftgemäß. Dieses Ergebnis kam nicht so zustande, daß eine von den beiden Kräften Übergewicht bekam und die andere erdrückte. Sondern im Gegensatz zu dem kranken, nervösen Menschen — die Lehre von der Ambivalenz, Polarität ist das Kernstück der Neurosenlehre der modernen Psychologie — offenbart sich beim Gesunden das ordnende Prinzip der Natur; die 147