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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 146

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Juden und Disziplin
Date
1936-07-01
Page
146 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Hans Keiison: Jaden und Disziplin Überall dort, wo auf der Erde eine geschlossene Gruppe Juden in einer andersartigen Umwelt lebte, hatten die Juden eine doppelte Aufgabe zu erfüllen. Sie mußten, als Minderheit jederzeit einer stärkeren kritischen Betrachtung ausgesetzt, das Ansehen, die Würde ihrer Gemeinschaft nach außen bewahren, und sie mußten gleichzeitig dafür Sorge tragen, daß dieses Ansehen auch in ihren eigenen Reihen immer neu begründet und tiefer befestigt werde. Solange die Juden getreu den Vorschriften ihrer Gesetze lebten, hatten sie die innere, gleichsam von Gott empfangene Gewißheit, ihre Gemeinschaft, ihre Religion würdig und heilig vorzuleben. Das Urteil der Welt, Anerkennung und Ablehnung, nach dunklen, unkontrollierbaren Vorgängen des Gefühles verteilt, berührte sie nur wenig. Der Machtspruch ihres Gesetzes, das Ansehen ihrer Weisen band die Masse der Frommen und gab ihrem Leben Maß und Form. Als die Gesetze ihre magische Bedeutung und Kraft verloren und die bisher geeinte Gemeinde nach der staatlichen Emanzipation zum Teil mit der alten Tradition brach, drangen die Juden unbändig aus der anscheinend erst jetzt verspürten Enge ihres Lebensraumes, in dem die Weisung des Gesetzes jede Tätigkeit und Lebensäußerung bestimmte. Gerade dieser Gang aus der eigenen Überlieferung, in dem ein fast protestantisch anmutender Zug liegt, läßt die vorher durch die Autorität ausgeübte Disziplinierung ahnen. Jedes Leben, jede Gemeinschaft der Lebenden bedarf zu ihrer eigenen Sicherung und Erhaltung bestimmter Formen der Organisation. Auch die Juden der voremanzipatorischen Epoche besaßen in ihrer realen Welt, die das Ghetto war, diese Formen, die gemäß ihrer einheitlichen Lebensauffassung auf der Institution der Synagoge beruhten. In dem Zeitpunkt, wo die alte, total erfaßte Welt mit ihren alten Bindungen zerfiel, die bisher allein herrschende Autorität der Synagoge sank und die neue des gesetzgebenden Staates aufgerichtet wurde, fielen auch die alten Formen. Der jüdische Mensch mußte, wollte er die Emanzipation annehmen, neue Bindungen eingehen. Innerlich suchte er sie durch Gleichsetzung seiner Religion mit den die Zeit erfüllenden Idealen einer freieren Menschheitsauffassung und durch Schaffung einer neuen Tradition; als Staatsbürger strebte er, an Rechten und Pflichten allen übrigen Staatsbürgern gleichgestellt, den gesetzlichen Einrichtungen zu, die der Staat aus seiner Überlieferung zur Bändigung und Einung seiner den Staat bildenden Massen aufwies. Es wäre eine lockende Aufgabe, unter Berücksichtigung der jeweils eigentumlichen, unterschiedlichen Bedingungen die Parallelen aufzuzeigen, nach denen andere Völker diese Lösung von 146

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