Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Presseschau: Nachruf auf Oswald Spengler [Rezension]
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 136 (sequence 2)
- Language
- German
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Jahren mit seinem „Untergang des Abendlandes" machte, war nach Heuß' Meinung nur zeitbedingt. Bedingtheit und Grenze seines Verfahrens stellt Heuß folgendermaßen dar: Spengler erzähle nicht die Geschichte, sondern vergewaltige sie, wenn auch in einer großartigen und souveränen Weise, so daß noch aus dem Schiefen oder Zurechtgebogenen die Mächtigkeit eines geschlossenen Willens rede, dessen Anspruch man sich schwer entziehe. Kein Wunder (meint Heuß), daß die Fachgelehrten mit hundert Einwendungen und Nachweisen kamen, sich ärgerten, wie Spengler mit einiger Willkür über Forschungsergebnisse verfügte, Hypothesen als Tatsachen nahm — aber die zahlreichen Korrekturen konnten die Bedeutung des Werkes nicht kränken, das aus der philosophischen oder historischen Einkapselung in die universalistische Deutung der Geschichte vorstieß. — Bemerkenswert ist Heuß' zusammenfassendes Schlußurteil über Spengler: „Der Güte bar, vielleicht auch des Humors — es ist dem Fremden schwer, das Bild des bedeutenden Mannes menschlich zu vertiefen. Geistesgeschichtlich erscheint er als der wichtigste Vertreter einer geistigen Haltung, die heute nicht ganz selten, vielleicht wesentlich durch ihn bestimmt ist: Romantik mit gelegentlich zynischer Bewußtheit, Methodisierung des Irrationalen, ethische Indifferenz eines spätgeborenen Biologismus („der Mensch als Raubtier")- Spengler begriff sich selber als Torwart einer neuen Epoche, als Ansager des Werdenden, seine Verdammung einer (angeblich) zivilisatorisch-humanen Gegenwart, seine Anklage gegen das neunzehnte Jahrhundert wurde in zahllosen Händen zum Kleingeld des literarischen Marktverkehrs — der geschichtliche Abstand wird deutlich machen, wie sehr er selbst in den Fesseln verstrickt blieb, die er glaubte zerrissen zu haben." Da über Spenglers menschliche Persönlichkeit nur weniges bekannt geworden ist, dürften Mitteilungen darüber interessieren, die Sigillum in einem Gedächtnisaufsatz des „Berliner Tageblatts" (Nr. 221 vom 10. Mai) macht: „Spengler wurde ein Modephilosoph, sein Werk ein Schlagwort. Aber der Gelehrte hielt sich mit Strenge vom Getümmel fern und genoß weder Ehren noch Ruhm mit seiner privaten Person. Er war Einsamkeit gewöhnt. Aus ihr entstand sein Werk. Er lebte seit 1910 in München in einer Mansardenwohnung; da sind Bücher über Bücher gehäuft, in jedem Zimmer steht ein großer Tisch, auf dem Karten gebreitet sind, oder sie hängen, aus aller Welt, an den Wänden und vor den Bücherregalen. Irgendwo steht ein schmales Bett. So hauste Spengler, ein Höhlenbewohner der Luft, bis zu seinem Ende. Die Münchener zeigten sich ihn, wie er in straffer Haltung, die Hände auf dem Rücken, niemandem einen Blick gönnend, über die Ludwigstraße schritt. . . . Spengler ist einsam gestorben, so wie er gelebt hat. Nur sehr wenige können sich rühmen, ihn gekannt zu haben." Die Nachrufe, die in der jüdischen Presse erschienen, befassen sich begreiflicherweise vornehmlich mit Spenglers Analyse der jüdischen Geschichte. So hebt Joachim Prinz 136