Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Presseschau: Nachruf auf Oswald Spengler [Rezension]
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 137 (sequence 3)
- Language
- German
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im Leitartikel des „Israelitischen Familienblattes" (Nr. 20 vom 14. Mai) hervor, daß Spenglers Prognose in bezug auf die jüdische Entwicklung falsch gewesen sei. Wesentlicher als Spenglers gewiß sehr merkwürdige Auffassung des Judentums erscheint uns jedoch eine Feststellung des Einflusses, den seine Geschichts- Nahum „Wer hätte vor dreißig Jahren gedacht, daß Sokolow als Meschullach des Keren Kajemeth enden würde!" sagte einer von seinen ehemaligen ghetto-stürmerischen Kampfgenossen. Meschullach ist die hier abschätzig gebrauchte Bezeichnung eines Gesandten, der etwa für eine Jeschiwa Geld sammelt, und Sokolow war ein idealer Meschullach, der in seinem reichen, langen Leben nicht nur Geld, sondern sehr viel Sympathie und Recht sammelte, und nicht nur für diese und jene Institution, sondern für das jüdische Volk. Der Papst, Könige und Politiker, nicht bloß reiche Juden wurden von ihm „gewonnen", die Balfour - Deklaration ist ihm mitzudanken, er war einer der erfolgreichen großen Diplomaten und Staatsführer seines Staat- und raumlosen Volkes, eine grandiose Figur. Gewiß, er war kein Genie; aber ein Lebenslauf wie der seine ist, obwohl eigentlich sensationslos, doch viel erstaunlicher und bewunderungswürdiger als der romantischere etwa eines Disraeli oder Lord Reading. Man stelle sich so ein polnisches Nest Wyszogrod vor, wo er 1860 geboren wurde, den Cheder, den er besuchte, die Jeschiwa, wo man ihn als „scharfen Kopf" mit Philosophie auf die jüdische Generation unserer Zeit — zum Beispiel auf das Gedankensystem Ignaz Maybaums und anderer — ausgeübt hat. Hier hat er ebenfalls umwälzend gewirkt. Eine derartige Untersuchung jedoch steht noch aus: denn diese Wirkung ist schwerlich schon abgeschlossen. F. F. Sokolow gewaltigem Gedächtnis für eine gute Partie hielt; was war die große Zukunft, die man ihm voraussagte, als er mit 18 Jahren Hochzeit hielt? Die andern scharfen Köpfe brachten es vielleicht bis zum Rabbiner von Plock oder Brisk. Er fing früh an zu schreiben, hebräisch, war mit 20 Jahren hebräischer Redakteur, dessen Stil auffiel, und lernte... Man stelle sich die Energie vor, die dieses Lernen antrieb. Sich in eine Sprache einzuleben, war ihm wenig. Sein Hebräisch ist mustergültig, er schrieb daneben ebensoviel und ebensogut jiddisch, er schrieb wesentliche Bücher und Aufsätze englisch, französisch, deutsch, er beherrschte das Russische und das Polnische; die Klassiker und alles Wesentliche aller großen Literaturen waren in seinem Kopf stetig und brüderlich beisammen und gegenwärtig. Dabei war das nur Literarische kaum eine Seite seines Lebensinteresses; er hat Naturwissenschaftliches, Geographisches, Historisches,. Philosophisches von beträchtlichem Niveau geschrieben. Und da er all sein vielfältiges Wissen immer parat hatte, ist selbst seine für den Tag gedachte Kleinarbeit lesenswert. Sokolow war ein echter Maskil, die letzte Blüte der Aufklärung. 137