Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Flucht in die Welt
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 124 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Gina Gärtier einen Zweig aus dem Gebüsch am Hang und wehrt den Bremsen an den Beinen und am Bauch, es wird heiß heute. „Grüß Gott, Herr, nach der Stadt?" „Schon fertig mit der Arbeit, Bauer?" „Man muß bei der Hand sein, möglich, daß es heute regnet, im Wetterwinkel hängt ein Dunst. Der Boden wird dann zu weich, das Viehzeug tritt mir Löcher hinein. Ich säe noch." „Du solltest einen Jüngeren dran lassen." „Das wäre schon recht für die mürben Knochen! Aber was, der Sohn ist nach der Stadt, leichtere Arbeit, besseres Geld. Verdorbene Zeit, Herr, die Welt ist zum Untergang reif." Das Volk, ewig muß es Unsinn schwatzen, wer nicht arbeitet wie ein Vieh, verfällt dem Teufel, denkt so ein Tölpel. Es war dem Leuchheim nicht recht, wenn er etwas vom Sterben hörte. Das Volk ist stumpf, es sagt kaltsinnig zueinander: Ich machs nicht mehr lange . . . oder: Der hat das Seinige getan, der könnte abgehen, der liegt den Kindern doch nur auf dem Sack. Und einer prophezeit dem andern, es werde Pech und Schwefel regnen, Mond und Sterne werden verbrennen, die Wälder wie eine Fackel aufglühen als Lob auf die Gerechtigkeit des Herrn, der Himmel wird sich öffnen und richten. — Nun wirklich, es ist heiß geworden. Der Leuchheim reitet durch das enge Tor und fragt nach dem Juden, nach dem Arzt Süßkind. Durch das Städtchen durch, am anderen Ende, neben der Schmiede, bedeutet man ihn. Schweinemarkt, und die Käufer drängen lärmend hinzu und hinweg. Auch das wird überstanden. Die Ferkel verteuern von Jahr zu Jahr, es gibt Streit und Widerrede. Vor der Schmiede stehen vier oder fünf Gäule zum Beschlagen, an einer Deichsel hämmert der Meister, an der offnen Tür hat er Sensen zum Abholen aufgehängt. Im Backhaus daneben schwatzen die Weiber, lehnen neugierig aus den kleinen Fenstern, brockein Reisig vor der Tür, um die Vorübergehenden nicht zu versäumen. Ein altes Weib schlurft hinein, mit einer Schürze voll Kleinholz. Sie zündet es in den Gucklöchern an, sie ist nur noch gut, um nach den Kirmeskuchen zu sehen. Die schwarzen Backhöhlen werden hell. Au fein bräunt der Kuchen mit den Apfelschnitzen, der Nachbarin ihrer ists. Zwischen den Pferden durchgedrängelt, sie stehen brav, schnauben zur Begrüßung. Des Leuchheims Brauner hat einen höheren Rücken, hat weichere Mähnenhaare als diese Bauerngäule — Wildpferde nur, unedle Art. Da ist des Juden Haus . . . weiß, aufgestockt, mit zierlicher Verkreuzung der Dachbalken, ein wohlhabendes Haus, dem geht nichts ab. An dem Riegel an der Kellerluke könnte man den Gaul festmachen, oder nein, laß ihn lieber beschlagen, mag er in der Schmiede stehen. 124