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Der Morgen · 1936-06-01 · Heft 3 (Juni 1936) · p. 123

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 3 (Juni 1936)
Article
Flucht in die Welt
Date
1936-06-01
Page
123 (sequence 7)
Language
German
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Flacht in die Welt Es war schon sehr kühl an den Abenden; vor den letzten Häusern im Wiesental lauerte ein heimlicher Nebel über dem Erdboden, schlängelte sich über die Ackerfurchen hinüber bis zum Waldrand. Aber die Mädchen legten keine wärmeren Leibchen an, bewahre, zum Tanz muß man recht die Arme schwingen können, sonst kommt man in Schweiß. Und wenn auch die Haut rot wird, so bleibt sie dafür kühl. Wie die schweren Bauern da auf der Bank saßen, im Olanz des Reichtums, und ihn betrachteten. Er wußte wohl, was sie sich im stillen sagten, es scherte ihn wenig: Adeliger Hungerleider, mußt uns aufspielen, uns, Bauern. Auch die Standesgenossen denken Ähnliches, mit anderer Betonung. Es ist ihm so und so zum Speien gleich. In den Pausen unterhält er sich mit den alten Leuten, was, er ist doch kein Narr und wird sichs mit der Wirtin verderben. Ein richtiger alter Dinger kommt auch dahergehumpelt, im rechten Beine plagt es ihn, aber das Maul geht ihm unentwegt. Ein Aufschneider, ein Halunke! „Die volle Wahrheit ists aber diesmal, ich bitte euch, Herr, braucht man da aufzuschneiden? Man versteht es gar nicht. Ich komme damals zu dem Arzt, zu dem Juden, dem sein Sohn Süßkind — Süßkind! — durchgebrannt war, will mir eine Arzenei für mein Bein holen, das fing schon damals an, eine Plage vom Teufel. Und ich erzähle ihm, was ich vom Händler gehört habe, Süßkind, das teure Söhnchen, sitzt in Pracht und Herrlichkeit auf der Grafenburg, in neuen Kleidern, für den Leibarzt des hohen Herrn. Was tut da der Alte? Was? Reißt sich einen Riß in den Rock, setzt sich auf den dreckigen Boden und sitzt dort, acht Tage lang, wie angewachsen, schläft dort, ißt wenig. Er spinnt, sage ich mir und sage es auch anderen. Sein Sohn hat sein Glück gemacht, sagt meine Frau, er aber setzt sich auf den Boden und flennt. O, kenne dich aus bei solchen Leuten, ich danke." Der Dinger setzt sich und stöhnt dabei auf. Er hat gut erzählt, und er hat recht. Was besser ist, er weiß, daß Süßkind im Städtchen wohnt, als Arzt. Warum wohl der Vater seinen Rock zerrissen hat? Ein Verrückter mehr oder weniger, es kommt nicht darauf an. Aber daß der Leuchheim wegen dieses Juden auf dieser schlechten Straße nach der Stadt reiten muß, verdrießt ihn gewaltig. Ein Bauer stellt ihm seinen Wagen, auf den er gerade den Pflug lädt, mitten in den Weg. Der Herr muß ausweichen, in den weichen Ackerboden hinein. Dummer Tölpel! Die beiden Kühe vor dem Wagen brüllen sanft auf und schlagen sich mit den Schwänzen. Ein kleiner Junge bricht sich 123

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