Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Flucht in die Welt
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 125 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Flucht in die Welt Zwischen Schmiede und Backhaus ist ein kleiner Hof, da schüttet man dem Herrenpferd auf, läßt es aus dem Eimer saufen, nur zu, Brauner! Der Leuchheim macht sich davon. Das Haus des Juden quillt über von Menschen, es ist Schvveinemarkt, jeder Bauer will ein Tränklein, dies oder jenes Sälblein mit nach Hause nehmen. Leider, gegen allzuviele Arbeit gibt es keine Arznei. Schlecht getroffen, Herr von Leuchheim. Gerade heute sind Mütter da mit schreienden Kleinen — kein Platz für die Schatten der Jugend. Ein trauriger Mann mit einem Bart fragt den Herrn nach seiner Krankheit, der Herr kommt vor den Bauern, es ist leider einmal so eingerichtet. Lichtflecke liegen auf dem spitzen Kinn des großen Mannes, auf der blassen Schläfe. „Den Sänger such' ich, nicht den Arzt", meint der Leuchheim hochtrabend und bringt Grüße vom Grafen, von der Wirtin. Er erntet, wie billig, Trunk und Botenlohn, und eine Rolle voll Gedichten für den Grafen. „Ich dichte nie mehr, sie sind schon Jahre alt", sagt der Jude, „aber sie sollen dem Grafen gehören. Und die Gräfin ist tot, nicht wahr?" „Lange." „Ich hätte es wissen sollen." Dabei blieb es, aber die Münze ist gutes Geld und der Graf wird die Rolle bekommen. Der Gaul suchte seinen Weg allein vor dem Tor draußen, aber der von Leuchheim, neugierig, zog ein Stück Papier zu sich her aus der Rolle und las — er kann lesen: Wenn ich bedenke, was ich war und was ich bin, und was ich werden muß, geht meine Freude hin, — ach, Lebenstage, Läufer ihr geschwinde! Denn ists nicht jammervollste seufzerträchtige Not, daß ich mich Tag für Tag muß fürchten vor dem Tod, und wie er mich gesellt unreinem Wurmgesinde. Ärgerlich — schon wieder das Sterben — läßt der Leuchheim das Papier zusammenschnurren. Rechtzeitig genug, um einen Wagen zu erblicken, der da steht, und wahrhaftigen Gotts, es liegt ein Mann unter dem rechten Hinterrad, und der Mann ist der Wirt. Schütze uns, Herr, er ist tot, unter den Wagen gefallen. Wer weiß, wie er das angestellt hat? Wollte er im Fahren aufspringen und ist ausgeglitten, oder hat er sich in die Deichselhöhle gesetzt, ist vom allzuvielen Branntwein eingenickt und heruntergekollert? Er ist nun jedenfalls tot, man muß ihn nach Hause bringen. (Schluß folgt) 125