Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Flucht in die Welt
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 120 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gina Gärtier „Also, wie steht es mit meinem Juden? Ist hier einer in der Gegend?" „Ja, in Trimberg gibt es mehrere, und hier hat auch einmal einer gewohnt, ein Arzt, den Sohn habe ich gekannt, ein schöner schwarzer Junge, aber blöde." „Es handelt sich um einen gewissen Süßkind, einen Fahrenden." O, das ist er ja, den meint sie. Er wohnt in der Gegend, die Bauern werden es ihm sagen können. Der von Leuchheim hat ein wenig übertrieben. Ehrenvolle Übertreibungen treiben auch den Erfolg vorwärts, das war eine seiner, seit seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, stets angewandten Erfahrungen. Die Wahrheit ist eine gute Sache, sie gibt einen runden sechszeiligen Vers ab, oder dergleichen. Aber mehr ist im praktischen Leben nicht mit ihr anzufangen, selbst wenn man sie sicher hat. Sie bleibt eine in jeder Hinsicht zweifelhafte Sache, ist es nicht so, während ein Erfolg, ein runder harter rollender Erfolg sich mit Fingern begreifen, ausgeben, verdauen, vertrinken, verschwenden läßt. Die verhältnismäßig reine Wahrheit hätte etwa so lauten müssen: Am Abend vor dem Wegritt des Leuchheim saßen einige Herren mit ihm in der niedrigen Trinkhalle des Grafen, zu einem herzhaften Männerumtrunk — ein Nachbar, einige junge Burschen, die sich bis zur Mannbarkeit am Hofe herumtrieben, und der Graf. Daß er nach Trimberg wolle, und weiter hinunter, gab der Leuchheim bekannt. Er mußte dabei husten, denn der Wind trieb den Rauch des Feuers in den Raum zurück, der strich weißlich am Boden hin und verteilte sich unparteiisch in die Kehlen der Trinker. Der ausgepichtere Graf schlug ihm wohlwollend auf den Rücken. Dann begann er, mit seiner prächtig hallenden Stimme, eine seiner langen Reden. Nun, wir wollen uns nicht dabei aufhalten, welche nutzbringenden Lebensweisheiten der runde lebhafte Graf auch in seine Reden eingeflochten haben mag. Es stand nur so, daß ihn im Eifer des Weins ein vielleicht zufälliges Interesse an einem jungen Burschen überkommen hatte, der ihm, als er selber noch gerade an den ersten Früchten der Erkenntnis knabberte, in die Arme gelaufen war. Ein junger Bursche er selber noch — voller Freude am Dasein, auf dem frischererbten väterlichen Gute sitzend, offen den Vergnügungen des gnädig spendenden Lebens. Bei Gott! Es war eine Zeit, die ihresgleichen nicht mehr finden würde, es sähe nicht danach aus. Damals gab es noch Männer, die zu trinken verstanden, daß ihnen der Leib schwoll, und ha, die Frauen! All das ging aber nicht so recht vonstatten, wenn nicht ein edler Sänger ein Lied 120