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Der Morgen · 1936-06-01 · Heft 3 (Juni 1936) · p. 121

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 3 (Juni 1936)
Article
Flucht in die Welt
Date
1936-06-01
Page
121 (sequence 5)
Language
German
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Flucht in die Welt davor oder danach zum Besten gab. Liebe und Kunst, sie fuhren gut miteinander, ein prächtiges Gespann. Aber jetzt verlor sich der Graf in Einzelheiten, um die Völlerei und Dummheit zu schildern, die unter den jungen Leuten um sich greife, und den Händlergeist, der sie den Daumen auf den Geldsack drücken heiße. Redet mir nicht von der schlechten Zeit, sagte er. Die Zeit ist wie die Menschen sind. Er hatte recht, aber man langweilte sich dabei. „Kommt mir da ein junger Jude ins Haus geschneit, rennt mich fast über den Haufen vor Begeisterung für die edle Sangeskunst, trotz einem Christen, will Sänger werden, Sänger! Schlag dir das aus dem Kopfe, sage ich. Aber nein, er will und muß. Närrisch, sage ich, aber er gefiel mir, groß, schwarz und feurig, und kann reden wie ein Buch, trotz einem Alten. Siebzehn Jahre erst, aber ein geschickter Arzt wie sein Vater, und schlau. Mein Kaplan biß sich die Zähne an ihm aus, probierte hier an ihm und da an ihm, kriegte aber kein Stück an ihm ab und ärgerte sich grün und blau über das verlorene Schaf, das unter gar keinen Umständen zu Hirt und Hund und Herde wollte. Ich glaube auch nicht", sagte der Graf, „daß er sich jemals ernsthaft mit dem beschäftigte, was der Kaplan vorzubringen hatte. Sein Gott war nicht der unsere, aber auch nicht der altübliche Judengott, soviel ich davon weiß. Er verstand es, Zähne zu ziehen und einem Fieber den Laufpaß zu geben, und wir brauchten ihn und mochten ihn gern. Er liebte uns auch, in einer sehr anspruchsvollen Art, man nahm sie ihm nicht übel. Hinter neuen Liedern war er her wie ein Vogel hinter Würmern, wie die Katze hinter dem Vogel. Hat er's richtig gelernt? Mir gefielen seine Sprüchlein. Dann heiratete ich, und eines Tages war er verschwunden. Vielleicht paßte ihm die Weiberwirtschaft nicht, das Getue und das Hin und Her. Manchmal hörte ich noch von ihm durch andere. Dann war er wie weggeblasen, wie ein Spinnweb nach dem Frühjahrsputz. Süßkind hieß er, ich möchte wohl wissen, was er jetzt umtreibt, wir waren zusammen jung." Dies ist nun die ganze Handhabe und Rechtfertigung des Herrn von Leuchheim, daraufhin stellt er Erkundigungen an. Er war sich des Wertes einer kräftigen Neuigkeit für die alten Herren wohl bewußt. Sie sitzen da auf ihren Burgen, hören nichts von der Welt und ihrem Treiben, sind zu faul geworden, zu den Turnieren zu reiten und nachzuschauen, was es Neues gibt. Ein Witz, ein Klatsch und Tratsch, ein Minneabenteuer, das ist etwas für die langen Winterabende des alternden Grafen. Man denkt gleich weiter, er ist Witwer — bringt man im Herbst eine nette 121

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