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Der Morgen · 1936-06-01 · Heft 3 (Juni 1936) · p. 119

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 3 (Juni 1936)
Article
Flucht in die Welt
Date
1936-06-01
Page
119 (sequence 3)
Language
German
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Flucht in. die Welt Die zärtlichen Augen. . . Er ist keiner von den Schüchternen, und weil er beim Rundgang durchs Dorf an sie gedacht hat, und sie beim Nähen an ihn, sind sie des Abends schon vertrauter. Der Knecht saß eifersüchtig blinzelnd auf dem Hocker in der Stubenecke. „Sieh doch nach den Pferden, sie stampfen!" Ja gewiß, er wird auch nach den Pferden sehen, es hatte noch gute Weile. So eine Schlampe, mit jedem weiß sie gleich das Rechte anzufangen. Der Knecht schmiß sich widerwillig auf sein Stroh. Sie ist die Herrin, aber er kommt auch wieder an die Reihe. Was die beiden zu bereden haben! Sie sind sich darüber einig, daß der Braune ein paar Tage Ruhe gut gebrauchen kann, daß die Bauern auch einmal gerne ritterlichen Gesang hören mögen, ihn auch bezahlen können. Ein geschäftliches Gespräch, nichts weiter! Er müsse noch einige Erkundigungen einziehen, sagt der Herr von Leuchheim geschwollen. Ah, Erkundigungen? Ach, es ist fast komisch zu hören und sie müsse es recht verstehen, es handle sich um einen Juden, einen aus dieser Gegend, der Graf wolle über ihn Neues erfahren, ein Günstling sozusagen, und er, der Leuchheim, gibt sich dazu her, um Botenlohn. „Ha, ein Jude." „Ja, wir können morgen weiter darüber reden. Was ich noch sagen wollte, könnt ihr beide noch ein Glas mit mir zusammen trinken?" Nein, denn der Wirt ist über Land gefahren, Obst holen, für den minderen Most, Fallobst. Der Mann ist sehr genau und auf das Seine bedacht. „Es wird Mitternacht werden, er hat die Laterne an den Wagen gehängt." Der Herr von Leuchheim möchte sich in diesem Fall gleich zu Bett legen. Er ist müde vom Ritt, und staubig. Ob er wohl noch einen Krug Wasser und ein Licht haben kann? Die Wirtin wird ihm beides bringen. Das Wasser wird sogar noch warm sein, aus dem Kessel über der Feuerstelle, die nie verlischt. Der Herr von Leuchheim weiß es zu schätzen, daß er Glück gehabt hat. Aber man kennt sich aus, schneller Anfang, schnelles Ende. Er will nicht mehr an Wunder glauben, man nahm das Leben, wie es kam, und machte nicht allzuviel Aufhebens. Was die Liebe anlangt — sie war nicht für alle Ewigkeit geschaffen. Den Botenlohn läßt er drum nicht aus. 119

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