Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Flucht in die Welt
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gina Gärtier „Komm, Brauner, in den Stall", sagt der Knecht. „Ich schütte dir ein rechtes Maß Hafer ein, wir haben gut geerntet hinterm Ehrnberg. Was für ein Stall! Da schaust du, das wäre was für einen Gaul wie dich, gemauert, und mit einem rechten Abfluß für die Gülle. Und, wer weiß, dein Herr hat einen blauen Reisemantel, der schon oft frühmorgens den Tau des freien Himmels gekostet hat — und sein Reisesack war dünn. Mir kanns recht sein, wenn er dich hier läßt. Ja, es fährt sich besser zu zweien als allein, Schimmel und Fuchs, und im warmen Stall schläft sichs besser als unterden kalten Sternen. Du gefällst mir. Der Wirt ist auch nicht mehr der Jüngste, und schließlich bin ich der Nächste dazu. Nun, ich will nichts gesagt haben, alles Gute für die Beiden. Du bist mir ein schöner Fresser! Hier hast du noch eine Handvoll, es ist dir wohl gegönnt." Der Gast war in die Stube gegangen. „Auf, Wirtschaft!" Es lag gar kein Grund zum Schreien vor, man wäre auch von selber gekommen, er hätte besser sich demütiger verhalten. Er schob sein kleines viereckiges, viersaitiges Instrument ein wenig weiter auf der Bank, damit es der Tisch verdecke. Der Wirt brauchte nicht gleich zu sehen, zu welchem Beruf er gehörte. Die Kost ist in den letzten Jahren sehr mager geworden, seit kein Geld mehr in den Beuteln der Herren ist, für die Singenden heißt das, die Fahrenden. Für den Bauch geben sie noch genug aus, wenn es sich etwa um ein Faß vom Rhein handelt, das sie miteinander leeren wollen. Ist man dabei, darf man mithalten; was aber nützt der schönste Rausch, wenn man drei Tage nachher einen leeren Magen hat? Ach, da waren sie schon, gleich zu zweien, wozu mußte er auch schreien. Der Wirt sah wenig einladend aus, Haut und Knochen und dazu noch allerhand Gelüste um den Mund herum, und wenn man es sich recht überlegte und die Frau von hinten betrachtete, wie sie den Schrank öffnet, hat er auch allen Grund, sein Eigentum zu hüten. Ob es ihm wohl immer gelang? Sie lächelte in einer Art und Weise. . . Nun wirklich, der Herr von Leuchheim, nachgeborener Sohn eines adligen vielköpfigen Hauses, der sein Glück als Sänger gesucht, aber nicht gefunden hatte, sah nicht den mindesten Grund, sich einfach wieder davonzumachen. Er stand probeweise einmal auf und schüttelte den Staub aus dem Obergewand. Er hatte neue blaue Strümpfe, in der Farbe recht gut passend zum Mantel, der Graf hatte sie ihm zum Abschied geschenkt. Der Blick der jungen Wirtin zeigte ihm, daß sie zufrieden mit ihm war. Nun, sie würde sehen, daß er nicht stolz ist. 118