Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Jüdisches Theater in Deutschland
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 113 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895556-2906109--08892-2906159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdisches Theater in Deutschland praxis heranzuziehen; oder aber dieses soziale Problem verwandelte sich unter der Hand in eine rein charitative Aufgabe: indem unter 500 000 Juden in Deutschland knapp ein Promille, und dieses auf der Basis einer Mindestgage beschäftigt wird, die tatsächlich — bedenkt man obendrein die Zwangslage dieser beschäftigungslosen Schauspieler, Musiker, Choristen und die sich aus dieser ziemlich ausweglosen Abhängigkeit ergebenden personellen und sonstigen Mißhelligkeiten — einen recht vordringlichen charitativen Beigeschmack verrät. Eine soziale Mission ist niemals zu trennen von einer produktiven Zielsetzung. Allerdings auch nicht von einer zahlenmäßig einleuchtenden Auswirkung. (Es wäre alles andere als produktive Arbeitsbeschaffung und somit auch alles andere als die erfolgversprechende Inangriffnahme eines sozialen Problems, wenn zum Beispiel von den Millionen Arbeitslosen in Deutschland einige hundert Ingenieure, Bauhandwerker usw. lediglich damit beschäftigt würden, anachronistische Postkutschenwege zu bauen — statt Autobahnen.) Man sieht: die bisherige Improvisation offenbart auf ganz verschiedene Weise die Ungelöstheit des Gesamtproblems. Diese Feststellung ist indes keineswegs polemischer Natur. Wahrscheinlich muß man das Kulturbund-Theater als ein Experiment ansehen, das in sehr schwierigen Verhältnissen unternommen wurde. Nach drei Jahren wird jedoch nunmehr von allen Seiten eine konstruktive Lösung verlangt. Da ergibt sich für jeden Fachmann in erster Linie die Notwendigkeit, die bisher angewandten Methoden zu prüfen, die Ergebnisse des Kulturbund-Experiments objektiv zu würdigen. Das Zentralproblem ist die Dramaturgie. Diese kann, wie schon angedeutet wurde, keinem anderen Theater entlehnt werden, auch nicht dem jiddischen oder dem hebräischen Theater. Der Boden, auf dem die jüdische Schaubühne in Deutschland entstehen soll, liegt unverrückbar im westeuropäischen Kulturbezirk. Ihr Idiom ist die deutsche Sprache. Die jiddische und die hebräische Sprache, im Osten und in Palästina geradezu das Grundelement der jiddischen und palästinensischen Kultur, somit insbesondere des jiddischen und palästinensischen Theaters, sind im westeuropäischen Kulturkreis Fremdkörper. Die grundsätzliche Verschiedenartigkeit der dramaturgischen Aufgaben ergibt sich einleuchtend aus der Überlegung: daß die Übertragung der griechischen, der englischen, deutschen, französischen Klassiker in die hebräische Sprache und auf das hebräische Theater eine Kulturaufgabe ersten Ranges ist, während dieselben Dramatiker, dieselben Stücke bisher auf der deutschen Kulturbundbühne, mit deren zwangsläufig begrenzten artistischen Mitteln gestaltet, neben dem repräsentativen deutschen Theater wie schlechte oder doch wenig geglückte Nachahmungen wirkten. Was einerseits also 113