Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 95 (sequence 3)
- Language
- German
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liehe oder erbauliche undsynagogale, liturgische Chöre. Die Form der musikalischen „Suite" ist doch dem aus einer anderen geistigen Disziplin herübergenommenen „Traktat" vorzuziehen. Man hat die Empfindung, als ob der Komponist manches in den Band hineingestopft hat, was ursprünglich nicht hineingehörte, während andere Stücke wie Kostproben wirken, denen die ausführliche Mahlzeit, das heißt die wirklich geschlossene musikalische Darstellung des betreffenden Feiertages erst folgen soll. Ursprünglich scheint ein Ring um das Jüdische Jahr beabsichtigt gewesen zu sein; davon ist leider nur ein Fragment, freilich ein recht umfangreiches, übriggeblieben. Bedenklich ist das Festhalten an der Vielstimmigkeit: fast durchweg 4—8 Stimmen, ganz selten weniger. Wer soll das heute singen? Davon müssen die jüdischen Komponisten unbedingt abkommen. Der dicke Chorsatz ist ein Erbe der deutschen Romantik, das ebenso verbraucht ist wie diese musikalische Nachromantik überhaupt. Im Mittelpunkt des Werkes steht das Ein- und Ausheben der Tora, von Adler nicht wie üblich „hozaa w'hachnasse I'sefer tora", sondern „Smirot lichwod hattora" genannt. Es handelt sich also um Lieder, Hymnen zu Ehren der Tora oder, wenn man den Grundzug des Ganzen in Betracht zieht, eben um Betrachtungen, Gedanken zu den Gebeten um die Tora. Dieser etwas grübelnde, spintisierende, genauer gesagt talmudische Zug geht sehr oft auch durch die Musik. Er hemmt durch sein reflektorisches Wesen manchmal den freien Lauf der musikalischen Gedanken, er beschwert sie mit Dingen, die die luftigen Töne nicht ertragen, und macht dadurch manche Partie schwerfälliger, spröder, unfarbiger, als Musik vertragen kann. Adler muß sich vor der Reflexion hüten, er muß noch viel mehr das sein, als was ersieh mit einer gewissen Selbstironie bezeichnet: „einposcheter Musiker". Während diese Toragesänge mit ihrem einfachen gregorianischen Grundton durch ihre musikalische Formung wirken, hat die groß angelegte Keduscha doch etwas unter dem gedanklichen Einschlag gelitten, wenn sie auch turmhoch über den meisten Vertonungen steht, die wir alljährlich in den Synagogen zu hören bekommen. Von den außersynagogalen Stücken sind die bemerkenswertesten die aus der Pessach-Haggada und die fürChanukka. Hält man die Haggada- Kompositionen Paul Dessaus, eben entstanden, dagegen, so sieht man den Unterschied zwischen dem freien Kunstmusiker und dem, der der Überlieferung zu folgen oder aus ihrem Geiste zu schaffen versucht. Für Ha lachma anja ist ein jemenitisches Motiv benutzt, wie Adler überhaupt den Chorstücken vielfach Weisen oder Motive zugrunde legt, die der Tradition der süddeutsch-französischen Synagoge oder dem polnischen oder chassidischen Ritus entstammen. Unter den fünf Stücken für Chanukka ist auch die von Benedetto Marcello, einem Zeitgenossen Bachs, aufgezeichnete Melodie zu „Maos zur jeschuati" für Streichorchester, Orgel und Chor gesetzt, ein sehr wirksames Stück. Zu den Kinderchören kann ein Schulorchester, ein Klavier, können Flöten und Streicher zugezogen werden: hier eröffnen sich Perspektiven für eine fortschrittlich gesinnte jüdische Schulmusik. Die Umschrift der Texte ist teils sephar- 95