Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 94 (sequence 2)
- Language
- German
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den musikalischen Einfällen der Komponisten beugen und musikalischen Gesetzen folgen. Von einer richtigen Aussprache, einer sinngemäßen Deklamation, von einem hebräischen Sprachgefühl und Sprachgeist ist gar keine Rede. Diese schlechte hebräische Deklamation (die Empfindungswelt ihrer Vertonung ist die Romantik) ist den Besuchern der Synagoge so natürlich geworden, daß bei der Erstaufführung der vorbildlich deklamierten Liturgie von Heinrich Schalit die Beter z. B. beim Kaddisch-Gebet über die nach ihrer Meinung „falschen" Betonungen den Kopf schüttelten und sie laut mißbilligten. Auch nach der andern Richtung der älteren liturgischen Musik ist die Ablehnung sehr klar gestaltet, als Gegensatz zu den musikalischen Inhalten dieser verbrauchten Kompositionen, zu dem unjüdischen Geist einer der deutschen Romantik völlig verhafteten Musik. Adler wendet sich bewußt und scharf gegen die synagogale Musikentwertung, die schon bis zur Schallplatte geführt hat; seine Anstrengung, die herrschende, so bequeme Stillosigkeit zu durchbrechen, muß trotz mancher kritischer und künstlerischer Bedenken gegen einzelne seiner Kompositionen unterstützt und gefördert, nicht gehemmt werden. Denn dieser hier vorliegende, sehr respektable Band ist einmal eine abschließende, zum andern eine aufbauende Arbeit. Abschließend in dem Sinne, als hier gezeigt wird, was die liberale Synagoge an ihrer Anschauung gemäßen musikalischen Werten aus sich heraus hätte schaffen können, wenn die in ihr wirkenden Kräfte dem schöpferischen Drang der Jüngeren freien Lauf gelassen hätten; und aufbauend: denn auch hier sind neue zeitgemäße Kräfte lebendig geworden, die musikalisch aktiviert werden müssen und für die Adler hier vielleicht einen Weg zeigt, der beschritten werden könnte. Auf jeden Fall ist durch dieses musikalische Werk die kulturelle Seite der liberalen Synagoge auf ein künstlerisches Niveau gehoben, wie es bisher (leider) noch nicht geschehen war, wie es aber längst hätte geschehen können und müssen. Zugleich aber ist hier ein Kontakt zu Erez Israel geschaffen, und es liegt nur wieder an der liberalen Synagoge selbst, ob sie mit Hilfe solcher Schöpfungen Einfluß gewinnen will auf die Prägung eines in gewisser Richtung weltanschaulich bestimmten Dienstes an Gott und Religion im Lande der Väter. Der Kunst wird es am ehesten gelingen, Brücken zu schlagen und Formen der Verständigung zu finden. Wenn aber erst einmal ein Anfang gemacht ist, wenn der Wille zur Einwirkung von hier und der zur Aufnahme von drüben da ist,gemeinschaftlich etwas ohne große Auseinandersetzungen aufzubauen, was den geistigen und kulturellen Bedürfnissen Palästinas entspricht, werden diesem grundsätzlichen Werke sicher andere folgen, die noch mehr in künstlerisches Neuland vorstoßen. Adler gibt dem Werk den Untertitel „Massechet makelot iwrit", ein Ausdruck aus der Mischna, der etwas Zusammengestelltes, lose Aneinandergereihtes, etwa „Traktat" bedeutet, hier ins Musikalische übertragen. Diese Bezeichnung wirkt wie eine Vorwegnahme des Einwandes der Buntheit in der Anordnung. Es wäre vielleicht besser gewesen, das Werk in zwei Teile zu sondern: in weit- 94