Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Erlösung durch Weltliebe? [Rezension]
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 86 (sequence 3)
- Language
- German
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Fritz Heinemann des Menschen und sind nur durch die Zeit- und Raumdimensionen verschieden. Ihre gesetzliche Bildungsweise, deren Studium zu den wichtigsten Problemen eines vertieften Studiums des moralischen Wesens .Mensch* gehört, folgt immer und überall dem ordo amoris." Man könnte ein lebendiges Wesen geradezu als ein solches definieren, in welchem die Raum- und Zeitstruktur identisch ist. Oder das Wunder des Organismus beruht darauf, daß sich in ihm eine verborgene Struktur in jedem Momente zugleich zeitlich entfaltet (man vergegenwärtige sich, wie die embryologische Bildung den ausgewachsenen Organismus vorwegnimmt und nur aus dem Angelegtsein auf ihn überhaupt verstanden werden kami) und räumlich ausdehnt, und zwar derartig, daß der Organismus als Raum- und Zeitganzes in jedem Augenblick gegenwärtig ist. Da nun die Umwelt, in der ein Lebewesen lebt (d.h. die Gesamtheit der Elemente der tatsächlichen Welt, die auf es wirken und auf die es zurückwirkt), in innerlichem Zusammenhang mit seinem Raumaufbau steht (die Form einer Pflanze oder eines Baumes, etwa einer Kiefer, ist geradezu die Antwort auf die tatsächlich gegebenen Lebensbedingungen der Umwelt), da weiter der Mensch sich entweder die ihm entsprechende Umwelt schafft oder sich selbst nach der bestehenden umschafft, da sein Schicksal überdies wesentlich durch die Art mitbestimmt ist, wie er sich in die Zeit hinausbegibt und sich selbst seine Zeit erschafft, da endlich ein und dasselbe Wesen Zeit- und Raumform, Umwelt und Schicksal aufbaut, so wohnt in der Tat die Ordnung des Herzens in gleicher Weise der Umwelt und dem Schicksal inne. Man darf deshalb von ihrer Identität sprechen. Unter Ordnung des Herzens muß man dann die Ordnung des Wählens (mit Einschluß des Wählens seiner selbst), des Vorziehens und Zurückstellens und die Hierarchie der dementsprechenden Werte verstehen. Besonders sichtbar wird diese Identität in Zeiten der Störung der Herzensordnung. Scheler nennt ihre Grundstörung „Vergaffung" und versteht darunter, daß der Mensch wahnhaft über sein leitendes Personenzentrum hinaus in irgendein endliches Gut hineingerissen wird. Absolut und damit zur Vergötzung oder metaphysischen Verirrung wird die Vergaffung dort, wo ein endliches Gut die Stelle des absoluten Gutes (Gottes) einnimmt und damit zum Götzen wird. Denn in solchen Zeiten tritt zugleich mit der Verkehrung der Wertordnung eine Wandlung der Umwelt und damit eine solche des Schicksals ein. Wir bedauern nur, daß es dem Autor nicht mehr vergönnt war, den Heilungsvorgang der Götzenzerschmetterung und der Auflösung der Vergaffung zu enthüllen. Dadurch wäre er zu einem der großen Völkerpsychiater der Zeit geworden. Aber schon aus dem Gesagten geht hervor, daß die Erhebung zu den Ordnungen der Welt für die Auflösung der Vergaffung nicht ausreichen würde; dazu ist ein höherer, ein absoluter Wert erforderlich. Und so offenbart denn auch diejenige Abhandlung, die unter den Aufsätzen dieses Buches — Tod und Fortleben / Vorbilder und Führer / Ordo amoris / Phänomenologie und Erkenntnistheorie / Lehre von den drei Tatsachen — die umfangreichste und phänomenverbundenste ist, die über Scham und Schamgefühl die tatsächliche Unerlöstheit des Autors. In ihr wird die Scham tief begriffen als das „Gewissen der Liebe", als die große und einzige Einheitsstiflerin zwischen unserem Geschlechtstriebe und allen höheren und höchsten Funktionen unseres Geistes, als das, was die ungeheure Leere ausfüllt, die zwischen Geist und Sinnen gähnt, als ein das Zerbersten der 86