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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Erlösung durch Weltliebe? [Rezension]
Date
1936-05-01
Page
85 (sequence 2)
Language
German
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Fritz Heinemann: Erlösung durch Weltliebe? nius, sondern einem jeden die Kraft, sich durch Teilhaben an den ewigen, ungestörten und unerschütlexbaren Ordnungen der Welt über die Verwirrung zu erheben und sich wiedereinzufügen in den Kreis, den er mutwillig verlassen hatte. Und so erleben wir das Wunderbare: in Zeiten größter äußerer Unruhe, schwerster vulkanischer Erschütterungen der Menschensphäre, der Abbröckelung, ja der Zerstörung der materiellen Lebensbasis vermag der Mensch wie ein Seiltänzer sicher über Abgründen zu wandeln und größere Ruhe, sichereren Frieden zu erlangen als in den Zeiten, wo die äußeren Verhältnisse ruhig und unbedroht waren und ihn trotzdem die Lebensangst, Wahnbilder erzeugend, von Befürchtung zu Befürchtung jagte. Es gibt Momente der Weltgeschichte (und einen solchen durchleben wir eben), in denen das Weiterlebenkönnen auf der Möglichkeit dieser Erhebung, auf dem unbewußt-bewußten Übergang in die Bereiche der Schöpfung und des Schöpfers beruht. Diese, hier durch feinste Ausbildung des psychophysischen Apparates mächtig gesteigerte Weltliebe, die (wie könnte es anders sein?) auf Gottesliebe beruht und als Menschenliebe ausstrahlt, ist der tragende Grund der Entwürfe, mit denen Max Scheler sein ruheloses Leben ausfüllte, die, meist als Bücher konzipiert, nunmehr als fragmentarische Aufsätze diesen ersten Band seines Nachlasses bilden. Erkenntnismäßig drückt sich diese Weltliebe in dem umgewandelten augustinischen Grundgedanken des Primats der Liebe vor der Erkenntnis aus: die Liebe und damit die Sphäre des Emotionalen überhaupt hat erschließende Funktion für die Erkenntnis der Welt, überdies besitzt sie eine eigene, in sich ruhende Ordnung. Damit wird der Mensch als liebendes Wesen begriffen. Die große Entdeckung Pascals — selbst aus augustinischem Geiste geboren —, daß es eine eigene Ordnung des Herzens gebe, wird hier wiederholt: ,,Es gibt einen ordre du coeur, eine logique du coeur, eine mathematique du coeur, die so streng, so objektiv, so absolut und unverbrüchlich ist wie die Sätze und Folgerungen der deduktiven Logik." Das Herz ist kein Chaos, sondern ein in sich gegliedertes Gegenbild des Kosmos ,,aller möglichen Liebenswürdigkeiten" (sie!), ihm sind Gesetze eingeschrieben, die dem Aufbauplan der Wertewelt entsprechen. Die Probleme einer solchen Ordnung sind von äußerstem Interesse: Gibt es eine Ordnung des Herzens? Worauf beruht sie? Ist die Schelersche Annahme haltbar, es gebe eine objektive Rangordnung der Werte, gleichsam eine in Gott ruhende Hierarchie derselben, einen Maßstab, an dem sich die Ordnung des Herzens mißt? Hat sich nicht gerade der Glaube an eine solche Rangordnung aufgelöst? Können wir aber eine derartige objektive Über- und Unterordnung der Werte nicht voraussetzen, welcher Maßstab bleibt und was bedeutet dann die Logik des Herzens? Diese Fragen, deren Behandlung den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen würde, dem Nachdenken des Lesers überantwortend weisen wir auf die anthropologischen Konsequenzen dieser Einstellung hin: „Wer den ordo amoris eines Menschen hat, hat den Menschen. Er hat für ihn als moralisches Subjekt das, was die Kristallformel für den Krislall ist.*' Das ist richtig; wenn ich wüßte, was für einen bestimmten Menschen der höchste Wert ist (ob Gott, Welt, Familie, Selbst, Ehre, Geld), welche Werte diesem ersten folgen und welche Vorzugsordnungen für ihn gelten, so kennte ich damit das Individuum. Genialer aber als diese erste ist die zweite Einsicht: „Schicksal und Umwelt beruhen auf denselben Faktoren des ordo amoris 85

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