Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Erlösung durch Weltliebe? [Rezension]
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 87 (sequence 4)
- Language
- German
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Erlösung durch Weltliebe? Person verhinderndes Mittelwesen, das vom Geiste seine Hoheit und seinen Ernst, vom Leibe seine Anmut und einladende und zur Liehe verlockende Schönheit empfängt. (Diese Ansicht ist äußerst bezeichnend für eine Verfallsstufe des Menschen: für Piaton ist der Mittler der Eros, für Kant die Einbildungskraft, für Goethe die Phantasie, lauter schöpferische Kräfte, denen gegenüber die passive Scham den Widerstreit der Pole und die durch ihn erzeugte Zersetzung verbergen soll.) So wird denn auch hier aus der Unausgeglichenbeit und Disharmonie zwischen Sinn und Anspruch der geistigen Person und der leiblichen Bedürftigkeit die Scham verstanden. Scharfsichtige Analysen scheiden ihre Primärwirkung, den Geschlechtstrieb selbst durch Hemmung des Autoerotismus aufzubauen, ihre Sekundärwirkung, d.h. die Hemmung, den Regungen des Geschlechts- und Fortpflanzungstriebes nicht ohne vorangegangene entschiedene Liebe und momentane Liebesregung zu folgen, und ihre tertiäre Wirkung innerhalb des Geschlechtsverkehrs selbst. Feinsinnig wird das zartere seelische Schamgefühl des Mannes, als des Genies des Geistes, von dem schärferen leiblichen des Weibes, als des Genies des Lebens geschieden. Ähnlich wie in der Untersuchung der Sympathiegefühle werden als verschiedene Phänomene voneinander gesondert: die libidinöse Regung, der davon ganz verschiedene Geschlechtstrieb mit allen seinen Möglichkeiten von Perversionen, der für die Frau charakteristische Fortpflanzungstrieb, der Trieb und Instinkt der Brutpflege, weiter die geschlechtliche Sympathie als die Fähigkeit, ein anderes Wesen unmittelbar zu verstehen und an seinem Leben teilzunehmen, und endlich die dem Geschlechtstriebe entsprechende Geschlechtsliebe und die dem Fortpflanzungstrieb zugeordnete Mutterliebe, welche beide wertwählende Funktionen des Gemütes sind. Und trotz alledem beweist diese interessante, sich auf dem Niveau psychoanalytischer Untersuchungen bewegende Studie auf jeder Seile das geradezu dämonische Beherrschtsein eines zerrissenen Menschen von einer unterweltliclien Sphäre, der er wieder und wieder, Scham in Schamlosigkeit verwandelnd, von den Dessous der Dinge überwältigt, verfällt, an Erfahrung bereichert, aber bei allem Wissen um die Erlösung tatsächlich unerlöst. Und darin offenbart sich die tiefere Wahrheit: die Welt kann erlösen und kann nicht erlösen. Sie kann erlösen, sofern sie mehr ist als sie selbst. Symbol und Kreatur eines höheren in ihr gegenwärtigen Wesens. Sie kann nicht erlösen, sobald sich dieses Mehr verflüchtigt. Alsdann bleibt nichts als das Pandämonium entfesselter Triebe. Das AprilheÖ enthielt u. ct.: Blick im Kreise 1 Arihur Prinz, Voraussetzungen jüdischer Auswanderungspoliük f Friiz Bamberger, Wissenschaft vom Judentum / Ilse Abramczvk, Jüdische Gegenwart und hellenisches Erbe | M. J. ben Gavriel, Wunsch nach Tomaten (Novelle) / Gusti Hechi, Mizwa und Geschäft. Im Junihefi schreiben u.a.: Ignaz Mavbaum, Jüdische Lehre und jüdische Ideologie / *.*, Jüdisches Theater in Deutschland ' Gina Gäriler, Flucht in die Welt (Novelle) 87