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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Erlösung durch Weltliebe? [Rezension]
Date
1936-05-01
Page
84 (sequence 1)
Language
German
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Fritz Heinemann: Erlösung durch Weltliebe? Bemerkungen zu Max Schelers „Schriften aus dem Nachlaß" „Die Richtung der Liebe des Genius geht auf die Welt schlechtbin — und was immer er liebt, wird ihm ein Symbol für die Welt oder etwas, durch das hindurch er die Welt als Ganzes liebend umfaßt. In ihm ist ein 'geheimes, gläubiges Erzittern über ihr Sein und Wesen selbst, ganz unabhängig von allen ihren einzelnen positiven Dingen und Gütern. Und während der Nichtgenius in den bloßen Differenzwerten der Dinge, ja meist bloß in den sozialen Differenzwerten derselben befangen bleibt, wird in ihm selbst Raum und Zeit, zu der sich die Welt ausdehnt, wird Luft, Wasser, Erde, Wolken. Regen und Sonnenschein Gegenstand der Freude, durch die er der Welt großes, allumfassendes Wesen liebend erblickt. Das ist schon ihr Sein schlechthin, ihr Weltsein, das seine Liebe in Bewegung setzt, noch ehe er im bestimmten Falle weiß und sieht, was es für Dinge sind, die sie enthält. Die wesentliche Leistung dieser Weltliebe ist nach der gegenständlichen Seite hin ein Sichöffnen der Dinge, ein Aufquellen ihres geheimnisvollen Reichtums, ein Aufglänzen immer neuer und neuer Werte, verbunden mit dem Bewußtsein einer Endlosigkeit und Unerschöpflichkeit dieses Prozesses. Auf der Seite des Subjekts aber ist es eine Erlösung von der mit aller Lebensgebundenheit des Geistes verbundenen Lebensangst, die erst sekundär Furcht, Vorschau, die Tätigkeiten des Berechnens, Klugheit, Vorsicht, Zweckhaftigkeit der Gesinnung zur Folge hat, und die in gewissem Sinne eine der seelischen Wurzeln aller Zivißsation, ja des zivilisatorischen Geistes überhaupt ausmacht." Diese Worte Max Schelers, mit denen er an einer Stelle seiner an genialen Tiefblicken reichen „Schriften aus dem Nachlaß, Bd. I" (Kurt Wolff Verlag, Berlin 10,33) das Wesen des Genies zu umschreiben versucht, ergreifen uns in doppelter Hinsicht. Hier führt Max Scheler in sein eigenes Zentrum. Denn diese unbändige, gläubige, naive, vibrierende Weltliebe, dieses im Innersten Getroffensein von den geheimsten Regungen der Dinge, dieses Sichöffnen für alle Wesenheiten der Welt in ihrer Seins- und Wertfülle beflügelte ihn vom ersten bis zum letzten Atemzug, von seiner Dissertation an bis zur Schrift über die Stellung des Menschen im Kosmos. Sie ist der wahre Grund für das immer wieder Erregende und Anregende seiner Schriften, für das unerwartete Aufblitzen bisher so nicht gesehener Zusammenhänge. Aber auch über das Persönliche hinaus ist die Einsicht wichtig. Tatsächlich erlöst Weltliebe von Lebensangst. Denn Lebensangst entspringt aus der Losreißung des Menschen vom tragenden Grunde des Göttlichen und von der hegenden Sorgfalt der umfangenden Natur, sie beruht auf dem Gefühl der Vereinsamung und der dunklen Ahnung von Gefahren, die aus dem brodelnden Meer der menschlichen Leidenschaften aufsteigen könnten. Darum verleiht die liebende Hingabe an Wesen und Ordnungen der Welt, selbst dann, wenn die Ordnungen der Menschemvelt verwirrt und verkehrt sind, nicht nur dem Ge- 84

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