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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 82

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Jewish Science?
Date
1936-05-01
Page
82 (sequence 3)
Language
German
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Hermann Komenetzky datiert von ihrer Behandlung der Religion in dem Sinne, daß alle religiösen Lehren unbeweisbar, aber auch unwiderlegbar, — Illusionen seien. Einige von ihnen seien so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, daß man sie den Wahnideen vergleichen könne. Sie seien ungeeignet, uns die Rätsei der Welt zu entschleiern, für deren Lösung es nur einen Weg gebe: die wissenschaftliche Arbeit. Hier steht also der Glaube an die Kraft der Wissenschaft gegen religiöse Gläubigkeit. Doch unverkennbar richtet sich Freuds Kritik nur gegen das psychologisch Greifbare der Religionen, gegen ihre Praxis mehr als gegen ihr Motiv, gegen die Verdrängung ihrer Ursprünge mehr als gegen die Ursprünge. Es genügt ihm, die religiösen Lehren „in ihrer psychologischen Natur" als „Illusionen" erkannt zu haben. Man hat darüber hinaus der Psychoanalyse die jüdische Herkunft ihres Schöpfers häufig genug vorgeworfen. Er selbst äußerte sich darüber („Die Widerstände gegen die Psychoanalyse") : „... Endlich darf der Autor in aller Zurückhaltung die Frage aufwerfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat... Es ist vielleicht auch kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen." Man lernt die affektgeladene Kritik verstehen, wenn man gerade d i e Gebiete der Psychoanalyse studiert, gegen die diese Einwände erhoben werden. Sie stammen aus dem Geist, der die Gehirntätigkeit, das Denken, mit der Funktion einer Drüse verglich. Es war die Situation der metaphysischen Bedürfnislosigkeit, der selbst der Materialismus zu „philosophisch" war, die Zeit des Rationalismus, der Haeckel sagen ließ, Gott wäre nach der christlichen Lehre ein gasförmiges Wirbeltier und das gebe es eben nicht. Und eben dieser Rationalismus, gegen den die Psychoanalyse aufstand und den sie besiegte, wird ihr heute vorgeworfen. Freuds Lehre — in der von ihm begonnenen Weise, in den Modulierungen seiner Schüler und selbst noch in der Gestalt, in der ihn seine Gegner eingestandener- oder uneingestandenermaßen übernommen haben — ist Gemeingut der gesamten modernen Kulturbetrachtung geworden. Freuds Sendung liegt nicht allein in seinem Werk, sondern auch in der Haltung, die uns darin fühlbar wird: im Hinführen zur Besinnung, zur Innenschau, in der Führung zum inneren Erleben durch innere Kraft, zum inneren Verstehen, zur Wesensschau des Menschen. Freud selbst, der heute Achtzigjährige, steht vor uns: 82 c

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