Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Jewish Science?
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 81 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Freud und die Psychoanalyse Bedeutung der Bezeichnung hat sich gewandelt, Wort und Ziel sind geblieben. Freud selbst liebt nicht von sich zu sprechen. Wo er aber von seinem Judentum spricht, tut er es mit Wärme und Selbstverständlichkeit: „Ich bin am 6. Mai 1856 in Freiburg in Mähren geboren. Meine Eltern waren Juden, auch ich bin Jude geblieben. Von meiner väterlichen Familie glaube ich zu wissen, daß sie lange Zeit am Rhein (in Köln) gelebt hat, aus Anlaß einer Judenverfolgung im 14. oder 15. Jahrhundert nach dem Osten floh und im Laufe des 19. Jahrhunderts die Rückwanderung von Litauen über Galizien nach dem deutschen Österreich antrat... Obwohl wir in sehr beengten Verhältnissen lebten, verlangte mein Vater, daß ich nur meinen Neigungen folgen sollte... Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte mir zunächst einige fühlbare Enttäuschungen. Vor allem traf mich die Zumutung, daß ich mich als minderwertig und nicht volkszugehörig fühlen sollte, weil ich Jude war. Das erstere lehnte ich mit aller Entschiedenheit ab. Ich habe nie begriffen, warum ich mich meiner Abkunft, oder wie man zu sagen begann, Rasse, schämen sollte. Auf die mir verweigerte Volksgemeinschaft verzichtete ich ohne viel Bedauern. .. Ich habe immer ein starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit mit meinem Volke gehabt und es auch bei meinen Kindern genährt. Meine Jugend fiel in eine Zeit, da unsere freisinnigen Religionslehrer keinen Wert auf die Erwerbung von Kenntnissen in der hebräischen Sprache legten. Meine Bildung ist daher auf diesem Gebiet recht zurückgeblieben, was ich später oftmals bedauert habe." Dies Bekenntnis zu seiner Herkunft ist nicht Freuds einzige persönliche Verbindung mit dem Judentum. Sein „Mangel an hebräischen Kenntnissen" hat ihn nie gehindert, für die jüdische Gemeinschaft tätig zu sein. So gehört er noch heute dem Ehrenvorsitz des Jüdischen Wissenschaftlichen Institutes in Wilna an. Er hat auch jede Gelegenheit, zum Beispiel die hebräischen und jiddischen Ausgaben seiner Werke, benutzt, um sich über seine Beziehung zum Judentum zu äußern. Doch Psychoanalyse ist eine Wissenschaft, und Wissenschaft und Religion liegen auf verschiedenen Ebenen. In der Vorrede zur hebräischen Ausgabe von „Totem und Tabu"" kündigt Freud ein Buch an, das „den Ursprung von Religion und Sittlichkeit behandelt, aber keinen jüdischen Standpunkt kennt, keine Einschränkung zugunsten des Judentums macht. Aber der Autor hofft, sich mit seinen Lesern in der Überzeugung zu treffen, daß die voraussetzungslose Wissenschaft dem Geist des neuen Judentums nicht fremd bleiben kann." Religion ist für Freud mehrfach Gegenstand der Betrachtung. Ein nicht geringer Teil der Abneigungen gegen die Psychonalyse 81