Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Jewish Science?
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 83 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Freud and die Psychoanalyse schlicht, gerade, scharf, rechtschaffen, unbedingt — ein bedeutender Mensch und Forscher. „Klarheit ist ihm"', so zeichnet ihn Stefan Zweig, „wie in allen menschlichen Äußerungen auch im sprachlichen Ausdruck das Optimum und Ultimum; dieser höchsten Lichthaftigkeit und Deutlichkeit ordnet er alle Kunstwerte als nebensächlich unter, und einzig der so erzielten Diamantschärfe der Umrisse dankt seine Sprache ihre unvergleichliche vis plastica. Völlig prunklos, straff sachlich, eine römische, eine lateinische Prosa, umschweift sie niemals dichterisch ihren Gegenstand sondern sagt ihn hart und kernig aus. Sie schmückt nicht, sie häuft nicht, sie vermengt und bedrängt nicht; bis zum Äußersten spart sie mit Bildern und Vergleichen. Setzt sie dann aber einen Vergleich ein, so trifft er immer durch seine überzeugende Schlagkraft wie ein Schuß... ... Pater familias von sechs Kindern, persönlich völlig bedürfnislos, ohne andere Passionen als die des Berufs und der Berufung. Vierzig Jahre lang nahm Freud täglich acht, neun, zehn, manchmal sogar elf Analysen vor, das will sagen: neun-, zehn-, elfmal konzentriert er je eine Stunde lang sich mit äußerster, mit einer beinahe bebenden Spännung in einen Fremden hinein, behorcht und wägt jedes Wort, während gleichzeitig sein nie versagendes Gedächtnis die Aussagen dieser Psychoanalyse mit jenen aller früheren Sitzungen vergleicht. Ist spät abends die analytische Tätigkeit, der Neun- oder Zehnstundendienst am Menschen beendet, dann erst beginnt die denkerische Ausgestaltung der Resultate, jene Arbeit, welche die Welt für seine einzige hält. Und all diese riesenhafte, diese pausenlose an Tausenden von Menschen praktisch wirkende und zu Millionen von Menschen fortwirkende Leistung geschieht ein halbes Jahrhundert lang ohne Helfer, ohne Sekretär, ohne Assistenten; jeder Brief ist mit der eigenen Hand geschrieben, jede Untersuchung allein zu Ende geführt, jedes Werk allein zur Form gestaltet. Von eigener Erfahrung her kennt dieser Körper nicht einmal die gewöhnlichsten, die alltäglichsten Störungen geistiger Arbeit und fast nie Kopfschmerzen und Müdigkeit. Dieser große Arzt war bis zu seinem siebzigsten Jahre niemals ernstlich krank, dieser feinste Beobachter des Nervenspiels niemals nervös, dieser hellsichtige Durchforscher aller Seelenabnormitäten, dieser vielverschriene Sexualist in allen seinen persönlichen Lebensäußerungen ein Leben lang unheimlich einlinig und gesund... Überall ist Freud mehr, als er von sich sehen läßt, und doch in jedwedem Ausdruck seines Wesens eindeutig derselbe. Denn wo immer in einem Menschen das Gesetz höherer Einheit schöpferisch waltet, tritt es in allen Elementen seines Wesens, in Sprache, Werk, Erscheinung und Leben gleich sinnlich und sieghaft zutage." Hermann Kamenetzky. 83