Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Der Jude im Spiegel
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mala Laaser: Der Jude im Spiegel „Setzt Euch!", sagt sie. Nafta setzt sich auf eine Bank. Sie geht, kommt wieder mit einer Schürze und einer brennenden Kerze. „Haltet einmal die Kerze!", bittet sie Nafta. Nafta nimmt die Kerze mit beiden Händen und wartet. Die Frau verhängt mit ihrer Schürze das kleine Fenster an der Kellerwand. Es ist dunkel und der Schein, der von der Kerzenflamme ausgeht, tanzt und springt durch den Raum. „Gebt!" sagt die Frau und greift nach dem Licht. Der Schein sinkt tiefer und fällt zu Boden. Nafta wagt nicht zu atmen. Er rührt sich nicht, sitzt auf der Bank und wendet nicht den Kopf. „Ihr müßt warten!", sagt die Frau hinter seinem Rücken. Sie hat die Kerze auf die Erde gestellt, das Licht züngelt über den feuchten Boden. Leise geht sie zur Kellertür, öffnet und läßt Nafta allein. Nafta hört, wie sie den Riegel vor die Türe schiebt. Rasend schlägt sein Herz. Er ist allein. Er ist ausgeliefert. Lange sitzt er da und hat Angst, sich im Keller umzusehen. Er lauscht nur, ob Schritte herankommen. Aber es kommt niemand, und die Zeit vergeht. Endlich dreht er die Füße und blickt sich um. Zuerst sieht er die Kerze flackernd am Boden stehen. Neben der Kerze, schräg an die Wand gelegt, steht in einem Rahmen von glattem Holz ein Spiegel. „Seht!", denkt Nafta verwundert, „seht, ein Spiegel!" Ersteht auf, geht um die Bank herum und stellt sich gerade vor dem Spiegel auf. Nichts ist darin zu sehen. Da kniet er nieder, der feuchte Boden faßt kalt nach seinen Knien, und blickt hinein in die reine Silberfläche. Plötzlich bricht ein wilder Strahl aus dem Glas, und ein Meer von Flammen tut sich auf. Geblendet von dem Glanz muß Nafta beide Augen schließen. Überall aus den Ecken brechen Stimmen hervor, es saust um ihn her und ein Sturm von Flügelschlägen erwacht. Grauen packt ihn und er tut die Augen auf. Wo die Wände standen, schwebt Gewölk. Riesengroß hängt die klare Scheibe vor seinem Blick. Brausend schlägt der Sturm mit scharfen Peitschen auf ihn ein, und er krümmt sich nieder und erkennt sein eigenes Gesicht. „Rettung!", will er schreien. Da verlöscht die Fratze im Spiegel, strahlend brechen neue Flammen aus dem Glas und ein Wurf von Blitzen fährt in das Gewölk. Schreiend sinkt Nafta zusammen, und sein Kopf schlägt schwer auf den harten Boden. ♦ „Steht auf!", sagt eine Stimme zu Nafta. Langsam hebt er den Kopf und richtet sich auf. Die Kerze am Boden ist niedergebrannt. Am Fenster hängt keine Schürze mehr. Es ist Tag. „Kommt!", sagt die Frau, „der Wormser Herr will mit Euch reden!" Nafta springt auf. Sein Bart ist naß vom Schweiß. An der Stirn hat er eine Wunde, und ein kleiner Strom von Blut läuft über sein Gesicht. Er rennt zur Tür, springt die Stiege empor und findet 76