Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Der Jude im Spiegel
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Mayer: Freud und die Psychoanalyse den Ausgang. Er läuft in wilder Flucht durch die Straßen bis zum Stadttor, keuchend hetzt er hinaus auf die Landstraße, rennt, rennt, bis die Kräfte ihn verlassen, bis die Ebene sich auftut und die Felder, die Äcker von Chatauw zu sehen sind. Stöhnend sinkt er ins Gras und ruht. Seine Augen trinken vom Blau des Himmels, und ihn wärmt und heilt das Sonnenlicht. Aus der Erde steigt der Dunst des Friedens und hüllt ihn ein. Der Wind streut Stille und Erbarmen über ihn. Lerchen schwirren, und er hört ihre Lieder. Fröhlich darf er aufstehen und getröstet in sein Haus gehen. Sigmund Freud und die Psychoanalyse Die Lehre Am 6. Mai wird Sigmund Freud in Wien achtzig Jahre alt. Sein Hauptwerk, die Psychoanalyse, bleibt bestehen und wird, wenn auch vielleicht nicht ganz in der Urfassung, unsere Generation überdauern. Von den größten Bauwerken der Erde wissen wir nicht, wer sie schuf; Amerika trägt nicht den Namen seines Entdeckers; manches Gedicht aus dem 19. Jahrhundert gilt heute schon als Volkslied, und nur die Zünftigen der Literatur kennen seinen Verfasser. Auch Freuds Gedankengut, die Psychoanalyse, ist so mächtig geworden, daß der Schöpfer getrost hinter seinem Werk zurücktreten kann. Verspricht diese Wirkung anzudauern, löst sie gar neue Wirkungen auf Gebieten aus, die mit dem ursprünglich gemeinten kaum noch einen Zusammenhang aufweisen, dann darf man wohl das Leben eines solchen Mannes als gesegnet, sein Alter aber, das ihn diese Ernte noch schauen ließ, als köstlich bezeichnen. Als Freud in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Psychoanalyse, wenn man so will, entdeckte — denn er betrat damals als Erster unbekanntes, unerforschtes Seelenland — wollte er zunächst eine wissenschaftliche Erklärung geben von gewissen seelischen Erkrankungen, den sogenannten Neurosen. Bald aber fand er, daß diese Erklärung eben die rechte Methode sei, um die Krankheit zu heilen. Seitdem setzte er alles daran, die von ihm am Patienten selbst, also aus der unmittelbaren praktischen Erfahrung, gewonnene Behandlungsweise zu einem handlichen Rüstzeug für den Arzt zu gestalten. Als sich später zeigte, daß Freuds Psychoanalyse nicht nur Heilmethode sei, sondern daß sie auf plausible Art auch Erscheinungen des normalen Seelenlebens zu erklären vermochte, wie 77