Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Der Jude im Spiegel
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude im Spiegel sie haben Kinder, die beiden, und Nafta muß abseits stehen und mitansehen, wie seine böse Saat nicht böse aufgeht. Eines Tages kommt aus der Stadt ein Bote zu Naftas Haus. Aus Worms, der erhabenen Gemeinde in Deutschland, ist ein Sendling angelangt. Er reist durch Dörfer und Städte, und er hat ein schweres Amt: er soll prüfen, die Häupter, die Lehrer aller Gemeinden seines Glaubens soll er prüfen. Schlechtes und gutes Tun soll er erkennen, und er soll nicht strafen, nicht drohen, nein, sondern mit dem Schlüssel des wahrhaftigen Glaubens die Herzen auftun und die Seelen erschrecken und läutern. „Ihr sollt zur Stadt kommen, zum Gericht sollt Ihr kommen!", sagt der Bote zu Nafta. Nafta wird blaß, seine Lippen beben. „Ich habe nichts begangen!", erwidert er mühsam. Der Bote nickt. Zu sagen weiß er nichts anderes als den Auftrag des Prüfenden. „Wohl Euch, Nafta, daß Ihr nichts begangen habt!" meint er freundlich. „Kommt morgen um die Mittagszeit in mein Haus. Dieses ist mein Auftrag — und nun lebt wohl!" Er geht, läßt Chatauw, das Dorf, läßt die Felder und Äcker hinter sich. Nafta schiebt den Riegel vor seine Tür. Er ißt nicht. Er geht und geht durch die Stube. Die Dielen knarren. Er hört es nicht. Gegen Abend kommt ein Bauer und klopft an das Fenster. Nafta öffnet ihm nicht. Er geht nur, immer geht er, auf und ab, vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster. Wie waren meine Jahre?, fragt er sich. Von den Wiesen vor dem Dorf schwingen die Nebel sich heran, wirbeln und wehen um sein Haus, pochen gegen Tür und Scheiben. Hände pochen an sein Haus, und ein Kreis von bösen Geistern schließt sich um ihn. Endlich steigt der Mond, und die Nebel breiten ihre Flügel aus und fliegen vor der Nacht davon. Nafta denkt nicht an Schlaf, o nein, er rennt auf und ab über die morschen Dielen in seiner Stube und schlägt und schlägt mit seinen beiden Fäusten seine Brust. Er zittert, er friert, er klappert mit den Zähnen vor Angst. Dennoch ist an seinem Leib nicht eine Stelle ohne Schweiß. Die Nacht geht langsam über die Ebene. Morgen! Nafta nimmt sein Halstuch und wischt damit über Hände und Stirn. Er zieht den Riegel zurück, schöpft Wasser aus seinem kleinen Brunnen und trinkt. Er bückt sich, reißt Gras ab, einen guten Büschel, und reinigt seine alten Stiefel vom Staub. Dann sieht er nach der Sonne, und die Sonne steigt, klar liegt das Blau über dem Dorf. „Es ist Zeit!", sagt der Tag zu Nafta. Da zieht er die Schultern hoch, senkt den Kopf und macht sich auf den Weg. Gegen Mittag ist er in der Stadt. Er findet das Haus, in dem der Richter ihn erwartet. Zaghaft läßt er den Klöppel auf die Tür springen. Jemand öffnet. Eine Frau steht vor ihm und heißt ihn eintreten. Sie geht voraus, führt ihn eine Stiege hinab zum Keller. 75