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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 74

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Der Jude im Spiegel
Date
1936-05-01
Page
74 (sequence 2)
Language
German
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Mala Laaser den Herrn dieser Erde. Naftas Seele war rein, frei vom Makel des Hasses waren seine Gedanken, ehe Gott seine Hand aufhob, diese schwere Hand, und schlug. Es ist so: Naftas Weib, das Licht, die Farbe und die Mahlzeit seines Lebens, starb an ihrem ersten Kind. Das Licht ist tot, und die Farbe ist tot. Gestorben sind die Tage der Sättigung. Glück und Frieden sind Nafta fortgestorben, und geblieben ist ihm nichts als ein Grab, ein kleines Bett auf dem Feld der Toten, ein Herz, das Gottes Willen nicht standhielt, und der wilde Schmerz des Hassens und der bösen Gedanken und Taten. Da — seht ihn euch an! Wohl ein großer Herr in seinem Kaftan für alle Tage? Schlechte Hosen trägt er, fleckige Hosen und krause Stiefel mit alten Löchern in der Sohle. Um den Hals hat er ein Tuch geschlungen, sein Hemd ist gelb, zerrissen, schmierig. Nafta ist wie sein Hemd, gelb und schmierig. Seine Haut ist gelb, sein Bart, der sein hohles Gesicht bedeckt, ist gelb. Seine Hände sagen über ihn genug, diese trockenen, schlimmen Hände, diese hastigen Geschwister. „Warum schlägst du uns, Nafta?", fragen ihn die Kinder, denen er zeigt, wie man schreibt und liest. „Weil ihr lebt!", gibt Nafta zur Antwort, und die Kleinen senken furchtsam die Köpfe, dulden seine Schläge und wissen nicht, warum vor Nafta das bloße Leben schon ein Vergehen ist. Oder ein Bauer tritt in Naftas Haus, hält einen Brief in den Händen und will hören, was sein Junge ihm geschrieben hat, Michael, der Jüngste, drüben in Amerika. Nafta liest den Brief. „Siehst du?", sagt er zu dem Mann, und sein gelber Zeigefinger fährt die Zeilen entlang, „hier — hier steht es: ,.. und mir geht es gut, liebe Eltern, tragt um mich nicht Sorge, sondern denkt, daß ich bald reich sein werde und euch Geld schicken kann für ein Rind und ein paar Hühner!'" Der Bauer dankt und geht heim. Aber Nafta hat falsch gelesen. Der Sohn leidet Hunger in Amerika: „____und ihr müßt das Rind verkaufen und ein paar Hühner, liebe Eltern! Schnell müßt ihr das tun, und in der Stadt das Geld am Schalter für mich aufgeben, hört ihr?" Falsch hat Nafta gelesen. Auch andere sollen Gräber haben, in denen ihr Glück sich zur Ruhe legt. Auch andere soll Gott schlagen mit seiner schweren Hand. Aber die gewaltigste Qual ist für Nafta, daß er weiß, wie all sein böses Wollen den Lauf des Schicksals niemals ändern wird. „Michael, der heute hungert, wird leben!", sagt ihm sein Herz. Dieses Herz ist gläubig geblieben und spricht die Wahrheit, aber lauter als die gute Stimme im Herzen spricht der Haß und der marternde Strom der Gedanken. Oder ein Mädchen aus Chatauw will in die Ehe, kommt und fragt Nafta, den großen Herren, nach seinem Bräutigam. „Krank!", sagt Nafta und schüttelt den Kopf. Heulend nimmt das Mädchen einen anderen, und die Ehe schlägt dennoch gut aus, 74

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