Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Das jüdische Element bei Gustav Mahler
Date
1936-05-01
Page
72 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895555-2906012--08823-2906070
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ludwig Landau: Das jüdische Element bei Gustav Mahler Tatsachen müssen, ohne liebende oder ablehnende Beurteilung, als Tatsachen festgestellt werden. Mahler selbst hat geäußert, daß im künstlerischen Schaffen fast ausschließlich jene Eindrücke endgültig fruchtbar und entscheidend seien, die in das Kindesalter fallen. Er hat von den Soldaten seines mährischen Heimatortes, neben deren Reihen er oft mitmarschierte und deren Marschrhythmen und Hornsignale in ihm bis zur VIII. Sinfonie nachlebten, mehrere hundert Volks- und Soldatenlieder gelernt. Als vierjähriges Kind konnte er gegen zweihundert solcher Lieder singen. Das Volksbuch Arnims und Brentanos lernte er erst als Achtundzwanziger kennen. Aber schon mit achtzehn Jahren lebt er ganz in der Empfindungssphäre solcher Texte, schreibt in ihrer seelischen Haltung, ohne also die Wunderhornsammlung zu kennen, eigene Verse für ein Chorwerk und zwei frühe Opern. Hier muß eben vollkommeneübereinstimmung eines jüdischen Menschen mit dem Geist seiner Umwelt festgestellt werden. Für eine Distanzempfindung und für das Ringen um Zusammenklang dieser Seelenelemente ist kein Raum, weder in seiner Kunst noch in den Begegnungen mit Menschen und Wirklichkeit. Die österreichische Landschaft liebt er, weil sie Gottes Erde ist. Der Ausruf in einem Jugendbrief von 1879 „O meine vielgeliebte Erde" entquillt dem gleichen Gefühl wie die Melodie von 1910 zu dem chinesischen Liedtext „Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz". Das Erlebnis von der Erde als Schöpfung Gottes, nicht als zufälliger Landschaft ist gerade im „Lied von der Erde" in die stärkste musikalische Leuchtkraft getaucht. Der Jude ist ja ursprünglich ein erd- und naturnaher Mensch gewesen; lange bevor im Okzident die Natur als Erlebnisobjekt entdeckt war, findet sich im alten jüdischen Schrifttum, besonders im Deuterojesaja, im Hohelied, in vielen Psalmen tiefempfundene Naturlyrik. Mahler hat die Soldaten- und Volksliedertexte nicht aus Ablehnung jüdischen Seins und aus bewußtem Suchen deutschen Seelengutes ausgewählt, sondern hat damit nur seinem ureigensten, ungebrochenen, unzerspaltenen Erleben Ausdruck gegeben, in voller Übereinstimmung mit sich. Gerade das Signal des „Rufers in der Wüste" zeigt diese in sich ruhende Sicherheit. Das Signal ist ihm nur Klangsymbol, Weckruf, und der „Rufer" ist ebenfalls nur sinnbildliche Erscheinung. Mahler will seine Vision im Klang wiedergeben: das Gesicht, das er schaute, den Ruf, der zu ihm drang. Er selbst hat seine künstlerischen Ausdrucks demente niemals nach Abstammung und Herkunft befragt, er empfand sich als vielfältige Einheit. Hiermit steht nicht in Widerspruch, daß in der motorischen Tendenz seiner ungeteilten Seelenkraft ein jüdisches Element liegt. Aber diese Tendenz ist durch sein starkes Menschentum mit seiner anderen Wesenheit zu einer einzigen Substanz zusammengeschmolzen worden. Bei Michelangelo destilliert man nicht ein besonderes italieni- 72

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.