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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 73

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Das jüdische Element bei Gustav Mahler
Date
1936-05-01
Page
73 (sequence 7)
Language
German
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Mala Laaser: Der Jude im Spiegel sches, bei Rembrandt nicht ein besonderes holländisches Volkstum heraus. Bei Tolstoj erblickt man in seinem selbstquälerischen, schließlich zur Flucht treibenden ewigen Suchertum nichts Russisch-Eigentümliches. Bei Mahler glaubt man, aus dem Wissen um sein Judentum heraus, eine einheitliche geprägte Form nicht feststellen zu können. Schließlich ist aber auch das Jüdisch-Wesenhafte allgemeinmenschlich ausgerichtet. Man hat Mahler sogar Religiosität und Menschenliebe absprechen wollen. Aber gerade diese bezeichnenden Äußerungen jüdischen Seelentums erleben wir immer wieder im Ideengehalt seiner Lieder und sinfonischen Werke. Sie sind nicht jüdische Musik, doch Musik eines jüdischen Menschen. Mala Laaser: Der Jude im Spiegel (Novelle) Früher standen Häuser an der Grenze zwischen Deutschland und dem alten russischen Reich. Ein kleines Dorf kroch über die Ebene bis zum Rand der Wälder. Dieses Dorf trug den Namen Chatauw, und die Menschen, die darin lebten, waren kleine Bauern und Viehhändler. Heute ist dieses Dorf Chatauw verschwunden, die Hütten sind längst zerfallen und von der Erde gefressen. Ackerland und Felder sind von Unkraut, von Gras und vom nahen Wald verschlungen. Niemand, der die Ebene überschreitet, weiß, daß er über Gräber von Menschen und Häusern, über Gräber eines vergessenen Lebens geht Aber damals, aber damals! Ein bunter, fruchtbarer Gürtel schließt sich um die Hütten von Chatauw. Der Roggen steht gelb und reift; Rüben und Kohl auf den Feldern, und auf den Äckern summt der Wind in den zarten, giftigen Blüten der Kartoffelstaude! Der Wald, dieser kühle Herr der Grenze, hebt sich düsterblau zum Himmel. Die Hütten sind klein, die Ställe sind klein, und wo Zäune stehen, sind sie niedrig und schon verfallen. Das ist Chatauw, in dem der Mann lebt, von dem ich erzählen will. Ein Jude, Nafta, Sohn des Jaum! Einstmals — früher — war er keusch und .fromm gewesen. Einstmals — früher — war er Vater und Lehrer der Juden von Chatauw, Richter über alle Händel im Dorf, Schreiber, Rabbi und großer Herr! Einstmals — früher! Aber da — seht ihn heute an! Seht sein Gesicht: Aufruhr und Feindschaft sind in böser Schrift darauf verzeichnet, seine Schläfen tragen die Zeichen der Marterung, — kennt ihr nicht die Marter der Gedanken, die nichts als hassen wollen? Für ein Herz ist die kalte Sprache des Schicksals eine Lockung zu Empörung, Feindlichkeit und Übelwollen gegen den großen, unheimlichen, nicht zu nennen- 73

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