Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Das jüdische Element bei Gustav Mahler
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 71 (sequence 5)
- Language
- German
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Das jüdische Element bei Gustav Mahler Anschauungen: so glaubte er an die ewige Wiederkunft. Seine metaphysische Ausrichtung und religiöse Gefühlsintensität weisen, wie erwähnt, chassidische Steigerung auf, in seiner Verinnerlichung als religiöser und ethischer Mensch gleicht er aber ebensosehr dem von ihm geliebten Dostojewski. Im Alter von zwanzig Jahren schreibt er ganz unbefangen: „ ... das Christkindlein ist da — und soll mir etwas recht Schönes bringen." In einem Gespräch aus späteren Jahren erwidert er einem Freunde, der ihn nach seinem Bekenntnis fragt: „Ich bin Musiker, darin ist alles andere enthalten." Den Pfingsthymnus des Mainzer Erzbischofs Hrabanus Maurus „Veni creator Spiritus" verbindet er in der VIII. Sinfonie mit der Schlußszene aus Goethes Faust II, weil im Hymnus „Liebe als göttliche Offenbarung", im Schlußchor „Liebe als tätige Kraft, als Mittlerin stufenweiser Erhebung und Läuterung zur Verklärung" verherrlicht wird. Nirgends findet sich in der Vertonung des Hymnus Kirchliches, nicht einmal Choralhaftes, hier wird tiefe Inbrunst mit einer dogmatisch farblosen, mit einer ganz weltfrohen lebens- und liebebeglückten Ausdruckskraft verkündet. In der III. Sinfonie klingt die Legende von dem vor Christus stehenden reuigen Petrus auf, nicht aus einer konfessionell bekenntnishaften Stimmung heraus, sondern um „lustig im Tempo" von der Liebe Gottes zu singen. „Liebe nur Gott in alle Zeit", so hat Mahler die Worte „bete zu Gott" des Liedes aus „Des Knaben Wunderhorn" abgeändert. In der IL Sinfonie steht über dem religiösen, mit den Worten „O Röschen rot!" beginnenden, von einem Englein erzählenden Liede aus „Des Knaben Wunderhorn" die Überschrift „Urlicht". Sie stammt aus der jüdischen Vorstellungswelt Der Talmud erzählt, das Urlicht sei im Anbeginn der Schöpfung geschaffen worden, der Mensch habe in ihm von Ende zu Ende der Welt geschaut, Gott habe es aber wegen der Verderbnis der Menschen verborgen. Mahlers Religiosität läßt sich nicht in trennbare, bestimmten Religionsgemeinden zuzuteilende Schichtungen zerlegen, sie ist eine absolute, eine unteilbare lebensmäßige Einheit. Ebenso lag Mahlers Verhältnis zum deutschen Volkstum jede bewußte Konfliktmöglichkeit fern. Mahler hat nach den bekannt gewordenen dokumentarischen Unterlagen an diesem Spannungsverhältnis nicht gelitten. Niemals hat er sein Judentum dadurch zu „überwinden" versucht, daß er Deutschtum „gesucht" hätte. Es gab für ihn innerlich nichts Jüdisches zu überwinden. An dieser Problematik ist er nicht wissentlich vorbeigegangen, sondern hat sie einfach nicht empfunden. Die Wunderhorn-Gedichte hat er nicht vertont, weil sie von ihm gewolltes fremdes Seelen- und Geistestum in sich bargen, wie er ja auch nicht die chinesische Seele in den der chinesischen Lyrik entnommenen Gesängen im „Lied von der Erde" aufgespürt hat Vielmehr ging es ihm in beiden Fällen um Elementar-Seelenhaftes, um allgemeingültige Innerlichkeit. Diese 71