Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Das jüdische Element bei Gustav Mahler
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 70 (sequence 4)
- Language
- German
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Ludwig Landau Welt die Versprengten seines Volkes zu seinem Tage. In solchen Momenten bricht bei Mahler unbewußt jüdische Seelenkraft durch und bringt stilistische Eigentümlichkeiten hervor, die sich in der abendländischen Sinfonik sonst nicht finden. Mit diesen Feststellungen ist, soweit es sich um das äußere Klangbild, um die objektiven Erscheinungs- und Ausdrucksformen handelt, die Frage nach dem jüdischen Element bei Mahler nach der positiven Seite hin beantwortet. Nun hat man aber jüdische Eigenart auch dort finden wollen, wo von einer Herkunft aus jüdischer Rasse und Problematik nicht gesprochen werden kann. Es fragt sich deshalb weiterhin, was nicht jüdisch ist, obwohl man es, weil man weiß, daß Mahler Jude war, als jüdisch hingestellt hat. II. Im Finale der II. Sinfonie hatte Mahler über ein militärisches Signal ursprünglich die programmatische Bezeichnung „Rufer in der Wüste" gesetzt. Dieser „kore bamidbar" stammt offensichtlich aus dem 40. Kapitel Jesaja. Ein in westlicher Zivilisation aufgewachsener jüdischer Musiker bedient sich zur Verdeutlichung eines jüdischen Gedankens eines abendländisch-militärischen Signals: ein stärkerer Widerspruch zweier polarer Vorstellungen läßt sich gar nicht denken. Da man bei Mahler ferner auch katholische Gläubigkeit, also eine dreigeteilte Schichtung festgestellt haben will, wäre zu prüfen, wie in Wirklichkeit das seelische Spannungsverhältnis Judentum — Christentum — Deutschtum bei Mahler beschaffen war. Daß Mahler sich einer besonderen jüdischen Eigenart seines schöpferischen Menschentums jemals bewußt geworden sei, läßt sich nicht nachweisen. Sein Judesein erwähnt er in seinen Briefen nur als Hinderungsgrund für seine Berufung an eine Hofoper. Auch die Gespräche geben keinen Aufschluß darüber, daß er, etwa wie Jakob Wassermann, die deutsch-jüdische Problematik als eine ihn innerlich berührende, ihn eigentümlich prägende seelische Erlebnissituation empfunden hat. Mahler hätte sich bei seinem Temperament und seinem Mitteilungsbedürfnis sicherlich eingehender darüber geäußert, daß er in biologischer oder religiöser Hinsicht seine jüdische Abstammung als Komponente seiner menschlichen Substanz empfinde oder daß ihn aus diesem Bewußtsein heraus eine lebensmäßige Konfliktslage bedränge. Sein Übertritt zum Katholizismus ist keine aus innerem Zwange geborene persönliche Entscheidung gewesen. Er war wohl eine tief religiöse Natur, aber seine Gläubigkeit wurzelte, hierin ähnlich der Gläubigkeit Goethes, in einem vertieften allgemein-menschlichen Weltgefühl außerhalb der religiösen Gedanken- und Formenwelt einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Sein Monotheismus ist nicht frei von stark pantheistischem Einschlag, von naturmystischen Gefühlen, ja von buddhistischen 70