Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Das jüdische Element bei Gustav Mahler
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 69 (sequence 3)
- Language
- German
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Das jüdische Element bei Gustav Mahler über. Das Wesenseigentümliche, der psychische Grundakt des motorischen Menschen, sei zentrifugal: ein Antrieb gehe von seiner Seele aus und werde zur Bewegung; er empfinde in Bewegungen; der Eindruck, der einen seiner Sinne treffe, gehe als Stoß durch alle, und die spezifischen Sinnesqualitäten erblaßten vor der Wucht des Gesamtzustandes; er gehe in seinem Weltbilde von der Innerlichkeit der Welt aus, die er in seiner Innerlichkeit erlebe, in ihr sei alle Bewegung seines Leibes und seiner Seele gegründet; er werde endlich weniger des ruhenden Seins der Dinge inne als ihres Geschehens, weniger des Raumes als der Zeit. Diese Analyse gibt eine ausgezeichnete Erklärung für das orientalische Musikempfinden, das die in der Zeit geschehende Melodie ohne die im Klangraum ruhende Harmonik erlebt. In Bubers Sinne ist Mahler ein durchaus motorischer, also orientalischer Menschentyp. Der motorische Charakter von Mahlers Melodik, der beispielsweise im Hauptthema des 1. Satzes der II. Sinfonie plastisch sichtbar geworden ist, ist das wesentliche, mit den obigen Vorbehalten als jüdisch anzusprechende Stilelement seiner Musik. Darüber hinaus werden nun auch Einzelheiten seiner musikalischen Sprache als jüdisch empfunden. Dies gilt vor allem von der beschwörenden, gefühlsintensiven, chassidisch-inbrünstigen Deklamation mancher melodischen Wendungen. In der VIII. Sinfonie werden Worte wie „creator" (Schöpfer), „gratia" (Gnade), „Caritas" (erbarmende Liebe), „infunde amorem cordibus" (gieße Liebe in unsere Herzen) mit einer Art Hitlahawut, mit ekstatischer Inbrunst gesungen. Oder man vergleiche, wie Mahler sich in die Vorstellungen „ewig" und „Ewigkeit" versenkt; so III. Sinf. „alle Lust will tiefe, tiefe Ewigkeit"; Kindertotenlied Nr. 1: „ins ew'ge Licht"; VIII. Sinf., II.Teil: „ewiger Liebe Kern", die „ewige Liebe nur", zu „Höhen der ewigen Reine". Bei den Worten „das Ewig-Weibliche zieht uns hinan" geht Mahler über den Sinn der Goethe-Worte hinaus: Bässe und Tenöre des zweiten Chors läßt er „das Ew'ge, Ew'ge zieht uns hinan" singen. Nicht oft genug kann er das Wort „ewig" wiederholen, bis es im hymnischen Aufschwung nur noch „Ewig zieht uns hinan" aufklingt. Am Schlüsse des „Abschied" bezeichneten Gesanges aus dem „Lied von der Erde" zwingt sich bei der siebenmaligen Wiederholung des Wortes „ewig" die Vorstellung auf, als nehme ein Chassid mit dem letzten lang aushallenden Worte des jüdischen Glaubensbekenntnisses „echad" Abschied von der Erde. Tief seltsam berührt uns jüdische Menschen folgende Episode aus dem Schlußsatze der II. Sinfonie: bevor der Chor anhebt „Auferstehen wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh!" läßt Mahler außerhalb des Orchesters aus der Ferne vier Trompeten aus entgegengesetzten Richtungen her erklingen, dazwischen klagt eine Flöte mit chasonisch anmutender psalmodierender Phrase. Unwillkürlich hat man hier die jüdische Vision, als sammle Gott von den vier Enden der 69