Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Das jüdische Element bei Gustav Mahler
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Landau Orchester nicht zukam. Wie ihm der harmonische Zusammenklang der Stimmen unwesentlicher erscheint, so verzichtet er auch auf die Ausfüllung des Orchesterklanges durch verbindende ergänzende Fülltöne. In Mahlers melodischer Polyphonie wäre also ein formales Prinzip festzustellen, das, weil orientalisch, auch als jüdisch bezeichnet werden könnte. Aber es handelt sich dabei um ein Formprinzip, zu dessen unmittelbarer Erfassung uns das ursprüngliche Erkenntnisvermögen fehlt. Und ungeachtet der zentralen Stellung der Melodik im Gesamtkunstwerk Mahlers, ungeachtet unseres Wissens von der Herkunft dieser Grundauffassung aus der orientalischen Sphäre darf nicht übersehen werden, daß Gehalt und Inhalt dieser Melodik überwiegend abendländisch, insbesondere österreichisch und böhmisch sind. Sicherlich ahnen wir in vielem etwas uns besonders Verwandtes. Aber es handelt sich doch nur um Einzelheiten, nicht um unsere Gesamtvorstellung von Mahlers Werk. Das Gesagte sei durch ein einfaches Beispiel ergänzt. Das Lied „Ging heut morgen übers Feld" aus den „Liedern eines fahrenden Gesellen" ist fast identisch mit der Exposition des 1. Satzes der I. Sinfonie. Die Melodie gleitet unmerklich von der Singstimme auf die Instrumentalstimme hinüber und umgekehrt. Die Behandlung des Wortes ist, anders als bei Schubert oder Wolf, ihr unterworfen; hier wird nicht sowohl das Wort musikalisch untermalt als vielmehr die Musik durch den Liedtext begleitet. Der schon hier an Dreiklängen arme Instrumentalsatz ist dünn, aus der vokalen und instrumentalen Linie ergibt sich aber eine wundervolle melodische Polyphonie. Diese lyrische Melodie ist nun zugleich „Thema" des Sinfoniesatzes, entspricht aber so wenig den von den Klassikern her für die Themengestaltung geltenden Gesetzen, daß Form und Technik der Durchführung gesprengt werden. In beiden Werken löst das melodische Element eine freiströmende Bewegung aus. Mahler offenbart die Einheit, die Einzigkeit der Melodie, die sichnicht nach den Grenzen der Singstimme oder eines Instruments bestimmt, sondern aus dem seelischen Urquell fließt. Er kennt keinen Unterschied zwischen vokaler und instrumentaler Melodik, sondern nur die eine klanggewordene seelische Bewegung. Die Anfangstakte hätten nun beispielsweise wie die des Hauptthemas aus Bruckners VII. Sinfonie durchgeführt werden können. Eine Vergleichung gerade dieser Takte und ihrer Verarbeitung ist aufschlußreich für das grundsätzlich andersgeartete melodische Gefühl des jüdischen Musikers, der anders als der deutsche Meister nicht harmonisch, sondern linear empfindet. Martin Buber stellt in seinem Essay über den „Geist des Orients und das Judentum" den orientalischen Menschentyp als den motorischen dem abendländischen als dem sensorischen gegen- 68