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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 67

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Das jüdische Element bei Gustav Mahler
Date
1936-05-01
Page
67 (sequence 1)
Language
German
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Ludwig Landau: Das jüdische Element bei Gustav Mahler (Zum 25. Todestage — 18. Mai 1936) I. Die Bemühungen, den Begriff „jüdische Musik" eindeutig zu umschreiben, sind bisher erfolglos geblieben. Darum ist es auch nicht möglich, aus dem eigentlich Musikalischen, aus den objektiven Formen der Musik das jüdische Element bei Mahler unmittelbar begreifbar zu machen. Seine musikalische Sprache weist aber eine Stileigentümlichkeit auf, die uneuropäisch, die orientalisch ist. Seit zwei Jahrhunderten sind für uns Melodik und Harmonik in ein bestimmtes Verhältnis getreten: die Melodik wird von der Harmonik getragen. Die orientalische Musik kennt diese inneren Beziehungen nicht, sie beruht auf dem melodisch-linearen Prinzip. Die Melodie ist in der orientalischen Musik das tragende Element. Auch bei Mahler ist sie in den großen Ecksätzen seiner Sinfonien der Träger des musikalischen Baus; als unendliche seelische Bewegung bestimmt sie seine Formgestaltung, seine Satz- und Durchführungstechnik, seine Instrumentationsweise. Diese dem orientalischen Musikempfinden gemäße Auffassung Mahlers von der zentralen Bedeutung der Melodik, von ihrem Primat innerhalb des musikalischen Kunstwerkes erklärt fast alle seine Stileigenarten. Von hier aus wird sein Wort verständlich: „Es gibt keine Harmonik, es gibt nur Kontrapunktik." Von hier aus ist auch Kretzschmars Vorwurf verständlich, daß im Finale der VI. Sinfonie auf ganze Perioden kaum ein Dreiklang komme. Mahlers Sinfoniethemen sind grundsätzlich nicht Themen, die den klassischen Gesetzmäßigkeiten entsprechen, sondern sie sind Melodien. Um sie in ihrer wirkenden Ganzheit zu erhalten, führt er sie ohne Rücksicht auf die Akkordik kontrapunktisch, und aus demselben Grunde ist seine Durchführungstechnik nicht Auseinandersetzung thematischer Fragmente und Motive miteinander, sondern Reihung melodischer Perioden aneinander. Aus dieser grundsätzlichen Auffassung von der Bedeutung der Melodik erklärt sich auch die Ausweitung der Form, das Flächenhafte der Mahlerschen Durchführungssätze; eine dramatische Gegensätzlichkeit im Sinne der klassischen Durchführungen erreicht er gleichsam auf einem Umwege dadurch, daß er seine Durchführungssätze in zwei Abschnitte von gegensätzlichem Charakter gliedert. Zur Verdeutlichung der Melodieführung zieht er auch solistisch Instrumente heran, denen solche Bedeutung im klassischen Sinfonie- 67

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