Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Der Jugendrabbiner
Date
1936-05-01
Page
65 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895555-2906010--08813-2906063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seelsorge — heute aber ist der Stolz eines Jugendführers gewöhnlich zu groß, um über Schwierigkeiten innerhalb des Gruppenlebens zu sprechen. Wenn diese Schwierigkeiten dem Jugendrabbiner von den Eltern oder den jungen Menschen selbst zugetragen worden sind, ist es oft gar nicht leicht, den Führer zum Sprechen zu bringen. Völlig falsch wäre es in solchen Fällen, auf die sachliche oder persönliche Autorität des Rabbiners zu pochen. Nur der ältere Kamerad darf dann zum Kameraden sprechen und ihm klarzumachen suchen, daß es um die Behebung einer gemeinsamen Sorge geht. Fast undurchdringlich wird die Schwierigkeit, wenn der Jugendrabbiner sich einem Gruppenführer gegenübersieht, der aus Überzeugung die Religion und damit das Rabbinat ablehnt. Da dem Elternhaus und den Geführten eine derartige Radikalität meist widerstrebt, so wird der Jugendrabbiner um vermittelnde Beeinflussung gebeten. Dieser hat nun die schwierige Aufgabe, die geistige Position des Gruppenführers anzugreifen und umzustoßen. Mit der einfachen Bitte um Duldung auch religiöser Stimmen im Bunde ist noch nichts getan. Scheitert der Versuch eines aufrichtigen Gespräches — und ein guter Führer ist ein aufrichtiger Mensch —, so ist der schon an sich dem Religiösen ablehnend gegenüberstehende Führer noch weiter in der Meinung bestärkt, daß es für ihn zum Religiösen keinen Weg mehr gebe. So bleibt eine solche Auseinandersetzung ein Wagnis, das aber unternommen werden muß, wenn vorhandene Mißstände dazu zwingen. Elternhaus, Schule und Bund sind die Gemeinschaften, in denen der junge Jude aufwächst. In ihnen lernt er, in Gemeinschaft zu leben; dort lernt er aber auch, wie schwer es sein kann, in Gemeinschaft zu leben. Der Jugendrabbiner, dessen Tätigkeit ihn mit allen Typen dieses Gemeinschaftslebens vertraut macht, kann ihm darum auch den Weg in die Gemeinschaft erleichtern. Vor allem bringen die jungen jüdischen Menschen ihrem Rabbiner ihre eigenen religiösen Zweifel. Unsere Jugend hat ein Schicksal, hat das Walten Gottes in ihrem Leben erfahren. So liegt auf ihr die Frage nach dem Sein Gottes wohl weniger schwer als auf den jungen Menschen vergangener glücklicher Zeiten. Aber doppelt ernst ist es den Aufrichtigen unter unseren Jungen um die Frage nach der rechten Gottesverehrung und dem wahren Gottesdienst. Besonders das Erleben der Feste macht ihnen diese Problematik immer von neuem klar. Das Bemühen, sich dem überlieferten Leben der jüdischen Gemeinde einzufügen, ist unter ihren Besten sehr stark. Wo dann Reibungen in der Auseinandersetzung mit Lehre und Gesetz entstehen, wird der Jugendrabbiner um Rat gefragt. In langen persönlichen Gesprächen zu zweit kann dann häufig geholfen werden. Aber notwendig ist zweierlei: einmal, daß för solche Auseinander- 65

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.