Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Der Jugendrabbiner
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 64 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895555-2906010--08812-2906062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ulrich Steuer Gemeinde und Rabbiner, das den Menschen den Weg zum Rabbiner als ihrem Seelsorger bahnt. In einer Zeit der äußeren und seelischen Not ist dieser Weg nicht weit. Es liegt sogar eine Gefahr darin, daß die Menschen unter der Not der Zeit zu „ihrem" Rabbiner kommen, daß sie aber vergessen, daß sie damit zu ihrem Lehrer kommen. Hier hat es der Jugendrabbiner leichter. Auch zu ihm kommen die jungen Menschen mit ihren Sorgen. Aber sie kommen wirklich nur, weil und wenn sie Vertrauen zu ihm in seiner Belehrung gefunden haben. Darum darf ihm der Unterricht niemals lästige Zugabe seines Amtes sein, denn hier recht eigentlich ist ja sein Ort, zu lehren und sich um -der Lehre willen seine Schüler zu gewinnen. Die jüdische Gegenwart hat neben die Schule das Lehrhaus gestellt. Auch hier gehört der Jugend ein besonderer Platz, der durch die Wirksamkeit des Jugendrabbiners bestimmt ist. Schulentlassene Jugend strebt weiter nach jüdischer Bildung, und für die Regsamen unter ihr bietet der planmäßige Religionsunterricht nicht genügend Raum. Den Vertiefungsunterricht im Lehrhaus hat der Jugendrabbiner zu leisten. Das Wichtigste auf diesem Gebiet aber ist, den halbwüchsigen oder doch kaum erst erwachsenen Führern der bündischen Jugend jüdisches und in zunehmendem Maße auch allgemeines Wissen in fortlaufenden Arbeitsgemeinschaften zu übermitteln. Ob diese Führerbildungskurse überbündisch erfolgen sollen oder sich schon in der Themenstellung je nach den besonderen Bedürfnissen eines Bundes richten, wird nur aus den örtlichen Verhältnissen zu beurteilen sein*). Vom Sachlichen her ist gerade diese Unterweisung für die ganze Amtsführung des Jugendrabbiners so wichtig, weil sie den Kontakt mit den Jugendführern und damit mit dem bündischen Leben unserer Jugend dauernd lebendig erhält. Im Unterricht hat er Gelegenheit, ihre Art, sich zu geben, kennen zu lernen. In Kursen, gemeinsamen Feiern und bei gemeinsamen Fahrten wird er näher mit ihnen in Fühlung kommen. Aber zum vollen Verständnis gehört noch die Kenntnis von Elternhaus und bündischer Gruppe. Der Jugendrabbiner muß auch die älteren Menschen seiner Gemeinde als Eltern seiner Schüler kennenlernen. Er muß sie so gut kennen, daß sie ihm unter Hintanstellung alles natürlichen Stolzes aufrichtig von ihren Kindern erzählen. Schwieriger ist zuweilen die Fühlungnahme mit dem Jugendführer. Gerade die Verantwortungsbewußten unter diesen Jungen kennen die Pflicht der Verschwiegenheit in all dem, was die Menschen ihrer Gruppe betrifft. Der Rabbiner darf sie niemals in die Lage bringen, diese Pflicht verletzen zu müssen. Dann *) Einer überbündischen Schulung sollte in diesem Rahmen grundsätzlich der Vorzug gegeben werden. Die Schriftleitung. 64