Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Die Menschen und das Gesetz
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 61 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seelsorge — heute nische Schiedsgericht, Din Tora. Nach der geschichtlichen Entwicklung müßte der Rabbiner zugleich Richter sein. In den jüngsten Generationen ist diese Gerichtsbarkeit jedoch in Deutschland verfallen. Ihre Wiederherstellung im Wege einer neu sich bildenden Sitte wäre ein Segen. Ihr wichtigstes Gebiet sind Auseinandersetzungen innerhalb der Familie wie die oben erwähnten Beleidigungsklagen, und in besonderen Fällen auch Zivilprozesse. Die rabbinische Gerichtsbarkeit dient nicht nur dem sozialen Frieden. Sie gibt auch große Möglichkeiten für eine tief eingreifende Hilfe in vielen Nöten der Seele. Vorwürfe und Anklagen, die die Seele vergiften, solange sie verschwiegen bleiben, oder nur neues Unheil stiften, wenn sie in die Welt hinausgeschrien werden, werden nun ausgesprochen, im engsten Kreise, unter Menschen, die einander verstehen, oft mit höchster Leidenschaft und in furchtbarer Erregung. Aber je größer die Wut ist, desto mehr reinigt sich die Seele durch ihre Entladung. In ruhiger Unterhaltung kann dann im weiteren Verlauf alles durchgesprochen werden. Man braucht sich nicht auf das juristische Element des Streites zu beschränken, sondern kann alle menschlichen Hintergründe mit in Betracht ziehen. Man kann die religiösen und jüdischen Gesichtspunkte geltend machen, von denen ein Richter wohl schweigen würde, vor allem Kiddusch Haschern und Chilul Haschern, den Gedanken von der Heiligung und von der Entweihung des göttlichen Namens. Man kann auch später, in nachgehender Fürsorge und Seeisorge, feststellen, ob die ergangene Entscheidung durchgeführt worden ist, und kann dafür sorgen, daß das geschieht. Nur in einer Minderzahl der Fälle kommt es zu einem Urteil. Meist haben sich die Parteien willig geeinigt. Diese Schiedsgerichtsbarkeit schafft den Streit aus der Welt und bringt den Streitenden auch persönlich den Frieden. Aus vielen Gründen, auch aus solchen der Seelsorge, verdient die altjüdische Institution des Din Tora wiederbelebt zu werden, gerade in unseren Tagen. Auf ein ungelöstes Problem der jüngsten Zeit sei noch kurz hingewiesen. In ihm trifft das allgemeine jüdische Interesse, das der Gesamtheit wie das des einzelnen Juden, zusammen mit der religiösen Verpflichtung, eine Sünde aus der Welt zu schaffen. „Ganz Israel bürgt für einander"; dieser talmudische Satz kann sich unter Umständen verhängnisvoll auswirken. Für jedes Vergehen eines Juden wird das ganze Judentum und werden alle einzelnen Juden haftbar gemacht. Wehrlos stehen wir dieser unübersehbaren Bürgschaft, die uns auferlegt wird, gegenüber. Wie sollen wir nur eine Gemeinschaft mit so unbeschränkter Haftung ertragen können? Wie kann das Judentum zu seinem Schutze wieder zu einer Zuchtgewalt über seine Glieder kommen, nachdem die antiken und mittelalterlichen Mittel von Bann und 61