Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Die Menschen und das Gesetz
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 59 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seelsorge — heule und er scheidet aus ihr und lebt, auf sich angewiesen, in einer immer tieferen Einsamkeit. Hans Norden, der nach jahrelangem Siechtum in jungen Jahren seiner Kriegsverletzung erlegen ist, hat in einer erschütternden, weil überall spürbar am eigenen Leibe erlebten Deutung gezeigt, wie das Buch Hiob der Welt dieses so leicht übersehene Leiden zeigt, jene trostlose Abgeschiedenheit, in der der chronisch und hoffnungslose Kranke lebt. Wir können und sollen nicht den Arzt ersetzen, wohl aber können wir dem Kranken sein besonderes Leiden, seine Verlassenheit, mildern und können seine Kraft im Ausdauern erhöhen. Unsere Lehrer empfehlen, mit fröhlichem Gesicht zu dem Kranken zu gehen, um ihn selber auf frohe Gedanken zu bringen. Sie machen es dem Besucher zur Pflicht, für die Bedürfnisse des Kranken zu sorgen und so mit dem seelischen Beistand den tatsächlichen zu verknüpfen. Sie raten, den Kranken in den ersten drei Tagen nicht zu besuchen. Man darf die Frist ruhig weiter ausdehnen, wenn man nur später um so ausdauernder kommt. Denn so ist das Schicksal des dauernd Kranken: in der ersten Zeit wird er viel besucht, wenn sich aber seine Umwelt an seinen Zustand gewöhnt hat, denkt keiner mehr an ihm. Heute wie in alten Zeiten kann er dann mit dem Psalmdichter sprechen: „Ich bin vergessen und aus dem Herzen ausgelöscht wie ein Toter, ich bin wie ein verlorenes Gerät." Deshalb gilt vom Besuch bei dem langwierig Erkrankten, daß einmal — keinmal ist. Nur der regelmäßige Bestich kann ihn vor dem trostlosen Gefühl der Verlassenheit bewahren. Verlassen und vergessen, mehr und schlimmer als die Kranken, sind die Gefangenen. Für sie bedeutet der Besuch des Rabbiners die Verbindung mit der Welt Die Aussprache mit ihm ist für sie wohl die einzige Möglichkeit zur Abrechnung mit dem Ich und mit der Welt und zur Überlegung der persönlichen Angelegenheiten. Sie kann so zu einer großen, oftmals willig anerkannten seelischen Entlastung und Stärkung führen. Der Gottesdienst ist im Gefängnis mehr als bloße Erbauung. Der Gesang der Gemeinde beim Aus- und Einheben und bei der Keduscha ist ein Stück Freiheit mitten in der Gefangenschaft. Wer vorbeten darf oder im langen Tallit aufgerufen wird, spürt wieder ein Stück persönlichen Selbstgefühls. Der Aron Hakkodesch mit der Torarolle darinnen ist ihm das Symbol der schöneren Welt, aus der er kam und in die er wieder zurückzukehren hofft. Ohne daß viel dabei gesprochen würde, ist die Synagoge im Gefängnis eine unschätzbare seelische Stärkung und Belebung. Ein neues Gebiet seelischer Fürsorge hat uns die jüngste Gegenwart gebracht. Eine Wanderung von unerhörtem Ausmaß hat unsere Gemeinden gelichtet. Viele ihrer Menschen sind in alle 59