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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 58

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Die Menschen und das Gesetz
Date
1936-05-01
Page
58 (sequence 1)
Language
German
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Max Eschelbacher Die Menschen und das Gesetz i. Das Judentum macht jeden für jeden verantwortlich. Diese Forderung ist die Seele der Bibel. Dem Propheten Ezechiel sagt Gott: „Menschensohn! Zum Wächter habe ich dich gesetzt über das Haus Israel!" Gegenstand der Wachsamkeit ist die Seele. Alles menschliche Tun und Leiden ist im Grunde seelisches Tun und Leiden. „Wenn eine Seele sündigt . . .", beginnen grundlegende Vorschriften der Tora. Wer Böses tut, „versündigt sich an seiner Seele", verkündet der Talmud. „Hütet eure Seelen!", ruft die Tora auf. Wer über dem anderen wachte, ihn zum Guten getrieben und vom Bösen abgehalten hat, hat, ob er nun Erfolg hatte oder nicht, „seine Seele gerettet". Alle menschliche Fürsorge muß deshalb zugleich auch Seelsorge sein. Es gibt Menschen, die sich durch die Kraft ihrer Brüderlichkeit in fremde Seelen hineinfinden. Sie entdecken Wege, ihnen zu helfen, an die kein anderer gedacht hätte. Genialität im Helfen ist eine seltene Gabe. Wenige haben sie. Jeder aber kann vor eine Aufgabe der Sorge für eine Seele gestellt werden. Man muß sich das Ohr offen halten für das, was der andere sagt, nicht weniger für das, was er mit Wissen und Willen verschweigt, aber unbewußt offenbart. Denn der Mensch verhüllt gern sein inneres Leben, verbirgt, was in ihm ist und täuscht vor, was ihm in Wahrheit fehlt. Unentbehrlich sind die Erfahrungen, die in unserem jüdischen Schrifttum niedergelegt sind, und die Anweisungen, die dort gegeben werden. Wir haben in unserer Tradition überall, in Bibel und Talmud, im Schulchan Aruch und bei unseren Sittenlehrern wichtige Grundsätze, Lehren und Beobachtungen, die ausgezeichnet sind, weil sie aus der unmittelbaren Beobachtung des seelischen Lebens des Juden in seiner besonderen Eigenart herauswuchsen. II. Der gesunde, glückliche, sorgenlose Mensch, der mit sich und der Welt im Frieden lebt, braucht vielleicht keine Seelsorge. Oder er ist wenigstens der Meinung, daß er sie nicht brauche. Unter allen Umständen aber braucht Hilfe der verlassene, der unglückliche, der in den großen Problemen seines Lebens ratlose Mensch. Bei den Verlassenen denken wir in erster Reihe an den dauernd Kranken. Krankheit ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein soziales und religiöses Problem. Wer lange krank ist, den vergißt die Welt. Sie zieht sich von ihm zurück, 58

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