Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Seelsorge heute
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Manfred Swarsensky Ganz besonders in den letzten Jahren, in denen unser Leben hierzulande so grundlegende Veränderungen durchgemacht und das jüdische Leben als Folge davon eine Ausweitung ohnegleichen erfahren hat, hat auch die seelsorgerische Tätigkeit des Rabbiners eine nie geahnte Intensität und Extensität gewonnen. Die jüdische Gemeinde unserer Tage ist auf weite Strecke hin eine helfende Gemeinde geworden. Viele Aufgaben, die einst der seelsorgerischen Arbeit des Rabbiners und dem Bemühen eines kleinen Kreises seiner freiwilligen Helfer oblagen, haben heute einen solchen Umfang angenommen, daß nur für jedes Aufgabengebiet besonders ausgebildete Beamte sie zu bewältigen vermögen. Es ist keine Frage, daß die Wohlfahrts- und Arbeitsämter, die Berufsumschichtungs- und Auswandererberatungsstellen, die Schul- und Bundesleitungen von spezialisierten Kräften sachgemäßer als von Rabbinern verwaltet werden können. Doch, so paradox es scheint, inmitten dieser sich vollziehenden Säkularisierung des jüdischen Lebens, ja, als Folge von ihr hat auch die rabbinische Seelsorgetätigkeit neuen Inhalt gewonnen. Die unter dem Einfluß der äußeren Entwicklung sich anbahnende Rückwendung zum Judentum hat viele angeregt, um Klarheit in der Fülle jüdischer Probleme zu ringen. Es sind die erfreulichsten Fälle seelsorgerischer Arbeit, wenn die Erschütterung der Zeit so fruchtbar geworden ist, daß sie Menschen drängt, mit einem Rabbiner Fragen des Judentums, der Religion, der Weltanschauung, der Kultur, der Lebensgestaltung zu besprechen und wenn es gelingt, den schwankenden Willen in eine feste Richtung zu lenken. Da kommen andere, die um Wiederaufnahme ins Judentum bitten, das sie in guten Tagen verlassen haben; da kommen Menschen jüdischer Abstammung nichtjüdischer Konfession, Ehepaare die in Mischehe leben, Kinder die aus diesen Verbindungen hervorgegangen sind und alle, die mit ihrer Problematik allein nicht mehr fertig werden. Da kommen Eltern mit erzieherischen Schwierigkeiten, da wird gefragt, ob es ratsam sei, das zehnjährige Kind im Gedanken an seine Zukunft schon jetzt ins Ausland zu geben. Da fährt ein Sohn in die Fremde und bittet, sich seiner zurückbleibenden Mutter anzunehmen. Da bespricht eine besorgte Mutter, ob dieser Partner für ihre Tochter passend sei. Da ruft das Krankenhaus an, ein Mann, der sein Ende nahen fühle, wünsche sogleich einen Besuch, um dem Rabbiner die Sorge für seine hinterbleibende Familie anzuvertrauen. Da ist irgendwo ein Streit zu schlichten, und ein anderer jahrelang eingefressener wendet sich zum Guten, als die feindlichen Brüder sich bei der Bestattung des Vaters zusammenfinden. Unter Aufwand von viel Zeit und Geduld, von Takt und Feingefühl, von Menschen- und Sachkenntnis, mit einem abgeklärten Wissen um die Bedeutung der kleinen und kleinsten Dinge für das Leben 56