Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Seelsorge heute
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 57 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seelsorge — heute eines Menschen vermag der, den tiefe Liebe zu den Menschen erfüllt, so Segensreiches zu stiften. Es wird den Blicken der großen Öffentlichkeit nicht immer sichtbar und darf daher nicht mit den Maßstäben gemessen werden, die für das sonstige Leben bestimmend sind. Mehr als die Hälfte aller seelsorgerischen Arbeit ist heutzutage mit dem Wunsch nach materieller Hilfe verbunden. „Ich bin am Ende meiner eigenen Kraft. Sie sind meine letzte Hoffnung. Bei Ihren großen Beziehungen dürfte es nicht schwer sein, für mich etwas zu tun. . . ." Das ist die traurige Melodie ungezählter Tag für Tag geführter Gespräche und einlaufender Briefe. Was kann der Rabbiner hier tun? Er kann keine Existenzen schaffen, keine Zertifikate und Affidavits besorgen, er verfügt über keinerlei Fonds, und die vermeintlich „großen Beziehungen" stehen auch ihm nicht zu Gebote. Diese Tatsachen sind gewiß jedem Eingeweihten bekannt. Aber es ist überaus schwer, sie einem verzweifelten Menschen klarzumachen. Und doch bleibt noch genug zu tun, um einem jeden die Gewißheit zu geben — jenseits von Versprechungen und hohlen Worten —, daß der Wille zu helfen besteht und daß man alles daran setzt, den Fall, mit dem man befaßt wird, aus der Menge derer herauszuheben, die nur in den Kartotheken der Büros verzeichnet sind. Man ruft diesen an, schreibt an jenen, interessiert einen dritten für die Angelegenheit, gibt empfehlende Schreiben, öffnet verschlossene Türen, ebnet Wege. So gewiß seelische und materielle Not nie mit einem Schlage zu beseitigen ist, so gewiß ist das Erschließen eines einzigen gangbaren Weges, den der andere selbst weiter gehen muß, schon ein Erfolg. Denn darin hat Ludwig Börne recht: „Trost kann immer nur der Himmel selber geben, von den Menschen kann man immer nur Beistand erwarten." In diesem Beistand einsamen, verzagten und hilflosen Menschen gegenüber besteht heute das Besondere aller jüdischen Seelsorge. Diese seelsorgerische Tätigkeit nimmt heute zumal in der Großstadt nahezu dreiviertel aller Arbeit des Rabbiners ein. Sie ist in vielem neuartig wie die Zeit, aus der sie herauswächst. Wer aber weiß, daß dort, wo kein Brot ist, keine Tora ist und andererseits der Mensch doch nicht vom Brote allein lebt, wer weiß, daß das Judentum nur besteht, wenn jüdische Menschen da sind, die es tragen und fortgestalten, der wird auch dieser neuartigen „Seelsorge" ihr Heimatrecht im Judentum nicht bestreiten; denn der „Seelsorger" wird aufs neue zum „Lehrer", der nur mit neuen Mitteln in einer sich neuformenden Welt das Endliche zum Ewigen hinaufzuführen, alles aber in die ewigen Lebens- und Geschichtszusammenhänge des Judentums einzuordnen sich bemüht. Manfred Swarsensky. 57