Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Seelsorge heute
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seehorge — heule Haus aus fremd ist. Im Sinne der Überlieferung ist Kranke besuchen, Trauernde trösten, Tote auf ihrem letzten Wege begleiten, Notleidenden helfen, Frieden unter den Menschen stiften, religiöse Pflicht jedes Juden. Aber wenn sich hieraus eine besondere Krankenhaus- und Gefängnisseeisorge, eine spezielle soziale und fürsorgerische Arbeit des Rabbiners entwickelt hat so war dies nicht allein ein Ergebnis des wachsenden Umfanges dieses Pflichtenkreises und der sich daraus mit Notwendigkeit ergebenden Arbeitsteilung; wenn der Rabbiner als Rabbiner sich dieser Tätigkeit widmet, so bedeutet dies für den einzelnen die aufrichtende Gewißheit: die jüdische Gemeinschaft kümmert sich um mich, das Judentum ist da, auch für mich, in meiner Einsamkeit. Der Mensch in seiner Vereinzelung und Verlassenheit ist ja das Objekt aller Seelsorge, der christlichen sowohl wie der jüdischen. Niemand kann so einsam sein wie der Mensch, zumal der Mensch der Großstadt; niemand einsamer als ein Jude, zumal ein Jude der Großstadt. Das Problem des großstädtischen Juden umschließt einen besonderen Komplex im Zusammenhang der jüdischen Seelsorge. Es ist kein Zweifel, daß der Jude der Kleinstadt in seiner körperlich-seelischen Konstitution gesünder ist als der, der im Getriebe der Millionenstadt ein anonymes Dasein führt. Viele Probleme, die hier auftauchen, waren — wenigstens bisher — dort infolge des normalisierenden Einflusses des Milieus und der wohltuenden Wirkung einer größeren menschlichen Nähe vielfach nicht vorhanden. Einer der häufigsten Fälle der seelsorgerischen Arbeit ist ein oft stundenwährendes Gespräch mit Menschen, deren einziger Wunsch es ist, sich auszusprechen. In der Tat bedeutet vielen die Möglichkeit, das Herz auszuschütten, sich jemandem anzuvertrauen, und die Gewißheit, verständnisvoll angehört und ernst genommen zu werden, eine starke seelische Erleichterung. Gewiß ist dies eine Art „Laienseelsorge", die im Grunde ein jeder an denen, die sich ihm anvertrauen, gleichfalls ausübt. Die Fülle seelsorgerischer Fälle dieser Art in der Tätigkeit des Rabbiners aber ist ein erfreuliches Zeichen für das wachsende Vertrauensverhältnis der Gemeindeangehörigen zu „ihrem" Rabbiner, nachdem eine falsch verstandene „Würde des Amtes" früher oft eine bedauernswerte Distanz geschaffen hatte. Ging man früher zum Rabbiner, um „eine Schale zu fragen", die vornehmlich rituelle Vorschriften von koscher und t'refo betraf, so sind Fragen dieser Art aus dem Aufgabenkreis wenigstens des religiösliberalen Rabbiners fast völlig verschwunden. Dafür aber ist das weite Feld des Lebens selbst mit all den vielfältigen und komplizierten Fragen, die es beherrscht, in den seelsorgerischen Wirkungsbereich des Rabbiners getreten. 55