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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Seelsorge heute
Date
1936-05-01
Page
54 (sequence 2)
Language
German
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Manfred Swarsensky der Raw der Repräsentant dieser geschlossenen religiösen Kultur. Er besaß eine Art richterliche Funktion und die Kraft der Entscheidung auch in den Bezirken des Lebens, die sich mit der beginnenden Neuzeit aus der Gebundenheit der religiösen Sphäre herauslösten und in die säkulare des Staates übergegangen sind. Abgesehen von gewissen Gebieten Osteuropas, in denen sich Reste der geschlossenen mittelalterlichen Einheitskultur erhalten haben, schränkte sich in den meisten Ländern des westlichen Teiles der Erdkugel das Judentum mehr und mehr auf die Bezirke des Ethischen und Weltanschaulichen, des Ritus und Kultus ein. Und auch diese Teile verloren im Bewußtsein der Juden um so mehr an Wichtigkeit, je wichtiger die weltlichen Aufgaben empfunden wurden. Die Autorität des Rabbiners sank zugunsten der des weltlichen Lebens. Je mehr Festland aber der Religion von den vorwärts drängenden Wogen des bürgerlichen Lebens entrissen wurde, desto größer wurde andererseits die Aufgabe, den verbleibenden Boden mit starken Wällen zu befestigen. War Judesein — subjektiv gesehen — eine Sache des Willens geworden, Religiös-sein nicht mehr das Ergebnis einer durch das Milieu geschaffenen Frömmigkeit, sondern das des persönlichen religiösen Empfindens, so wuchsen dem Rabbiner aus der veränderten jüdischen Situation neue, bis dahin nicht gekannte Pflichten zu. Sein Lehramt, in Unterricht und Predigt, erhielt einen neuen Inhalt. Es genügte nicht mehr, sich in den vier Ellen der Halacha auszukennen, er mußte mit der gleichen Sicherheit die Probleme der Philosophie, Psychologie, Theologie und Pädagogik beherrschen, um gegen Skeptizismus und Materialismus, gegen Atheismus und Freidenkertum die Ansprüche der jüdischen Religion erfolgreich vertreten zu können und dabei den „Gebildeten unter ihren Verächtern" die Gewißheit ins Herz zu senken, daß es möglich, ja notwendig sei, Jude und Europäer zugleich zu sein. Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine therapeutische Aufgabe, insofern die Psyche des jüdischen Menschen vielfach erkrankt war, weil der Jude im Strudel der Neuzeit oft das „Gesetz seiner Mittel" verlor. So wurde der Rabbiner durch die Ansprüche, die die Neuzeit an ihn stellte, zu einem „Seelsorger" in einer im Judentum bis dahin nicht gekannten Art. Er war es, der um des Judentums willen eine ganz persönliche Verbindung zu den Mitgliedern seiner Gemeinde pflegen mußte, der überall die Stimme des Judentums nachdrücklich zur Geltung bringen mußte, ja, er wurde der eigentliche Repräsentant des Judentums — sogar seinen eigenen Glaubensgenossen gegenüber. Es ist kein Zweifel, daß damit ein Moment in das Judentum hineinkam, das ihm von 54

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