Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten [Rezension]
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 38 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895554-2905918--08763-2905987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Werner Cahnmann: Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten läufer des Amschel Rothschild, der Petschaftslecher aus Treucnbrietzen ein Schicksalsgenosse des Metzgers aus Nordstetten, der Kaufmannslehrling aus Berlin und sein Prinzipal sind Verwandte der geschäftstüchtigen Frauen aus Preßburg, Sigmund Mayers Vater ist ebensosehr ein Typ des jüdischen Kaufmanns wie Therese Devrients Onkel, Oppenheims geruhsame Kunstübung so legitim wie Lazarus' unruhiges wissenschaftliches Streben. Aber es mag genug sein. Wir kommen über Andeutungen nicht hinaus. Und selbst das Memoirendoppelbändchen des Schockenverlags ist nur ein aufgetanes Eingangstor in eine ganze große jüdische Welt, in unsere Welt. Soll es uns wohl oder wehe sein, daß wir ihre Enkel sind? Wir werden um die Entscheidungsfrage nicht herumkommen. Wir haben von dieser Welt hier und heute nur Trümmer in der Hand. Aber wir haben die Pflicht, das geistige Band zu finden, das sie uns aufs Neue zusammenhält. Denn wer das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert nicht ehrt, der ist Mosche und die Propheten nicht wert. Werner Cahnmann Die kleine Bücherei des Schocken-Verlags ist bereits bis zum öo. Band gediehen: Moses Mendelssohns Brautbriefe, mit Bildbeigaben besonders reizvoll ausgestattet, stellen in der originalgetreuen Übertragung auch inhaltlich ein liebenswürdiges Geschenk des Verlages dar. Von den vorhergehenden Bänden haben die Leser unserer Zeitschrift den (jetzt erweiterten) Gedichtzyklus „Land Israel" von Ludwig Strauß (4i) und eine Probe aus A. Frankls Reisebericht „Nach Jerusalem" (20) bereits kennen gelernt. Reisebriefe früherer Jahrhunderte hat Kurt Wilhelm unter dem Titel „Wege nach Zion" (45) zusammengestellt. Die Auswahl bleibt immer gleich sorgfältig und vielseitig: Martin Buber gibt 23 Psalmen in Urschrift und Übertragung (5i) und vereinigt drei Arbeiten zur „Deutung des Chassidismus" (43) in einem Bändchen; der Bereich des Talmuds und des Midrasch ist mit ..Midraschim der Klage und des Zuspruchs" (36), herausgegeben von Max Dienemann, und mit „Gesprächen der Weisen" (42) vertreten, die N. N. Glatzer mitteilt; zu dem so schwer zugänglichen Bereich der Kabbala bahnt ihr bester Kenner Gerhard Scholem einen Weg mit der Deutung der Schöpfungsgeschichte aus dem Sohar (4o), dem Hauptwerk dieser Richtung. Philons Darstellung der von ihm geführten Gesandtschaft der alexandrinischen Juden zu Kaiser Caligula (35), von Hans Lewy übersetzt, ist in ihrer Spannung und in ihrer Fülle an plastischem Detail geradezu eine Art antiker Reportage, und man spürt das Rauschen von i5oo Jahren Geschichte, wenn man sich daneben das römische Ghetto, wie Gregorovius es sah (46), vergegenwärtigt. Und von hier aus führen die Linien wieder in die Gegenwart: in das deutsche Gemeindeleben mit A. D. Bernsteins frischer Novelle „Mendel Gibbor" (44), die Hans Bach bearbeitet hat, in das Ostjudentum mit zwei von Fega Frisch übersetzten Erzählungen von Scholem Alechem (48) und zu Ernst Simons Bialikdarstellung (37/38), die noch für sich zu würdigen sein wird. 38