Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten [Rezension]
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 37 (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten sophen, Salomon Maimon, geschildert, der ebenfalls nach Berlin kommt. Wie recht tut der Herausgeber daran, Salomon Maimon ebenso einzubeziehen wie späterhin Sigmund Mayer! Polnisch-litauisches wie böhmischungarisches Judentum sind in den letzten drei Jahrhunderten mit dem deutschen so eng verbunden, daß man von einer unauflöslichen Symbiose sprechen kann. Unterschiede sind da, Streitigkeiten nicht zu verbergen. Aber es sind Unterschiede zwischen Brüdern. Streitigkeiten unter Verwandten! In Wien wird ein besonderes deutsches Judentum formiert aus zusammengewachsenen deutschsprachigen und jiddischsprachigen Judenschaftssplittern slavischer und madjarischer Gegenden. Der Schwerpunkt des neueren deutschen Judentums liegt in den ostelbischen Provinzen Preußens. Von Anhalt bis Posen, Berlin eingeschlossen, mischt sich deutsch¬ und polnisch-jüdisches Wesen zu einem neuen Typ, der von deutschem Kulturempfinden geprägt ist. Aron Hirsch Heymann spricht davon in seinem köstlichen Kapitel über die Berliner Gemeindebeamten, bei Heymann Steinthal und noch mehr bei Moritz Lazarus ist diese Mischung die heimische Welt. Diese Welt ist von dem Spätlicht einer intensiven jüdischen Geistigkeit ganz und gar erfüllt. Spricht Steinthal von der Innigkeit des alten Chasonus, so Lazarus von den blassen Bachurim seiner Heimatgemeinde, die sich über Talmudfolianten beugten, und von Kaufleuten, die anerkannte Gelehrte waren. Wie anders ist die jüdische Welt des Südwestens! Hier ist alles naturverbundener, symbolhafter (bis zur unverstandenen Konvention) und ungeistiger. Von Lämmles Eisickle, der sich am Schabbateingang schämt, weil er die ganze Woche über nichts verdient hat, bis zum Frankfurter Rothschild, der seiner Frau mit einem Mal 20 000 Gulden schenkt als ob es nichts wäre, ist der Weg nicht so weit wie von beiden zum alten Rabbi Seckel, dem Haupt des Rabbinatskollegiums von Filehne, der kein besoldeter Rabbiner, sondern ein Kaufmann war. In Berthold Auerbachs Mutter, die dem auswandernden Verwandten einen wundertätigen Talisman zusteckt, lebt das südwestdeutsche Judentum ebenso wie das ostdeutsche in Moritz Lazarus' Vater, der den Sohn, schon bevor er lesen konnte, beim morgendlichen „Lernen" zuhören ließ. Eine reiche Quelle ist das Gebotene schließlich für eine noch zu schreibende Soziologie der deutschen Juden. Der Elia Cleve ist ein Vor- Das Märzheft enlhielt u. a.: Ludwia Holländer I Ludwig Landau, Jüdische Geschichtsauffassung / Marlin Buber, Die Bibel als Erzähler / Werner Ellinger, Studie über den jüdischen Wiiz f Ludwig Feuchiwanger, Jüdische Geschichte aus den Uranfängen des Christentums Im Mcdhefl schreiben u. a.: Seelsorge — heule: Manfred Swarsensky, M. Eschelbacher, Ulrich Steuer / Mala Laser, Der Jude im Spiegel (Novelle) / Ludwig Landau, Das jüdische Element bei Gustav Mahler 37