Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-04-01 · Heft 1 (April 1936) · p. 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 1 (April 1936)
Article
Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten [Rezension]
Date
1936-04-01
Page
36 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895554-2905918--08761-2905985
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Werner Cahnmann rauchenden Trümmern legt sich Schutt auf die versteinerten Reste der mittelalterlichen Judengemeinden; an seinem Ende — i648 — werfen die Greuel des Chmelnitzky-Aufstandes in Polen neue Menschen an die Ufer einer neu entstehenden jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Bei Glücke! von Hameln sehen wir diese Gestalten aus dem Osten schon auftauchen. Während in den Nachrichten um Schabbetai Zwi die letzte messianische Bewegung des alten Judentums in Betrug und Verzweiflung zusammenbricht, fällt auf das Werden einer jüdischen Geldaristokratie ein helles Licht, wenn wir die lebhaft ausgemalte Schilderung lesen, die Glückel von der glanzvollen Heirat ihrer ältesten Tochter mit dem Sohn des Elia Cleve in Anwesenheit des Kronprinzen Friedrich von Preußen entwirft. Und von der nächsten Generation sehen wir den rührigen Petschaftstecher Aron Isak aus Treuenbrietzcn um das Wohnrecht in Schweden kämpfen. Das waren die Menschen aus der Vorgeschichte der Emanzipation. Überwiegt bei ihrer Betrachtung das soziologische Interesse, so treten nun, mit der Frühzeit der Emanzipation, geistige Gesichtspunkte in den Vordergrund. Henriette Herz von portugiesischer und Salomon Maimon von litauischer Herkunft sprechen von Thealer und Lektüre, von philosophischer Bemühung um den Geist des Westens; es scheint, daß dessen gefährlich aufsprengende Kraft Moses Mendelssohn, der im Mittelpunkt steht, nicht bewußt geworden ist. Dann treffen wir schon auf die zweite Generation der Emanzipation, nach 1800 geboren: den Berliner Gemeindevorsitzenden Aron Hirsch Heymann, die Sängerin Therese Devrient; den Maler Oppenheim, die Schriftsteller Auerbach und Rodenberg; den Wiener Gemeinderat Sigmund Mayer und die Begründer der Völkerpsychologie Steinthal und Lazarus. Moritz Lazarus ist zehn Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges, Julius Rodenberg im ersten Kriegsjahr, Sigmund Mayer erst nach Kriegsende gestorben. Wenn diese Männer ihre Jugendzeit, die noch vor der Jahrhundertmilte liegt, schildern, so bemerken wir mit erschrockenem Staunen, wie kurz die Spanne Zeit ist, die uns Enkel und Urenkel von den Posenschcn Talmud-Tora-Schulen, von den verwinkelten Landjudenhäusern Hessens und von den Schlagbäumen und Polizeisoldaten des Wiener Vormärz trennt. So gut wie nach Epochen kann man auch nach Herkünf ten und Landsmannschaften scheiden. Von dem guten Dutzend der Memoirenschreiber, die in dem Doppelband der Schockenbücherei vereinigt sind, stammen drei aus dem Südwesten Deutschlands — Elsaß, Frankfurter Umgegend und Württemberg —, vier aus dem Nordwesten — Hamburg, Brandenburg, Anhalt und Hessen —, drei aus Berlin und drei aus dem grenzdeutschen oder außerdeutschen Osten, aus Litauen, Posen und Ungarn. Aus der voremanzipatorischen Epoche ist bezeichnenderweise nur der Südwesten und der Nordwesten vertreten; hier haben wir noch die Nabelschnur vor uns, die nach dem mittelalterlichen Judentum zurückweist. Die Frühzeit der Emanzipation wird uns dagegen von einer Berlinerin, Henriette Herz, und von einem aus dem litauischen Ghetto entsprungenen Philo- 36

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.