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Der Morgen · 1936-04-01 · Heft 1 (April 1936) · p. 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 1 (April 1936)
Article
Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten [Rezension]
Date
1936-04-01
Page
35 (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten In der Erneuerung des jüdischen Geschichtsbewußtseins sind die fernste Ferne und die nächste Nähe am engsten miteinander verbunden, während die dazwischenliegenden Jahrhunderte versunken und vergessen sind. Ein stammelnder und allmählich sich sammelnder Anfang redet uns -aus den Blättern des Tenacli an; es ist, wie wenn überall sich Stimmen erhöben, die schließlich zu einem vollen und starken Klang zusammentönen. Das Wort, das damals Israel zum Hören gezwungen hat, wird uns wieder gegenwärtig: die reine Größe und das Geheimnis des Ursprungs. Mit den Erinnerungen aus einer letztvergangenen Zeit steht es anders. Hier haben wir die Endglieder einer Kette vor uns, an die wir selbst, wir mögen es wahr haben wollen oder nicht, angeschlossen sind. Wir wissen, daß diese Zeit nicht die Zeit war, wie manche der damals Mitlebenden glaubten, sondern eine Zeit in der Reihe der Zeiten; wir sehen sie vollendet; wir glauben, da wir nach neuen Ufern aufbrechen, kein Teil mehr an ihr zu haben; und wir erkennen am Ende, daß es Fleisch von unserem Fleisch ist, das da seinen Mund auftut, daß unsere eigenen vertrauten Verwandten zu sprechen anfangen und daß wir nicht nur Ahnen haben, sondern auch Großväter. Wir können es nicht hindern und wollen es nicht, daß wir die Juden unserer Zeit sind, daß Aufklärung und Historismus, Naturalismus und rationelle Kapital Wirtschaft unser Denken geprägt haben. Es ist nicht mehr ein einziger Kodex, der uns auf unsere eine Straße weist, von der wir nicht nach rechts und nicht nach links abweichen. Franz Rosenzweig -war der Meinung, daß das, was uns als Juden verbindet, die Einheit der Landschaft zu nennen sei und daß das Judentum der Zukunft ein System von Straßen sein werde. Heule haben wir von der Vielheit nur die Kakophonie. Wenn wir aber aus dem Großen, das noch kein Ganzes ist, eine Teilerscheinung wie das deutsche Judentum der zuletzt vergangenen Genera lionen herausgreifen, so spüren wir hier wenigstens die zusammenhaltende Einheit in der beginnenden Mannigfaltigkeit heraus. „Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten", wie Hans Bach sie ausgewählt und der Schocken-Verlag herausgegeben hat, zeigen uns, was wir sind und was wir haben, wenn wir uns aufmachen, das Erbe dieser in Deutschland erlebten jüdischen Geschichte in das System eines neuen Judentums einzufügen. Und so kommen wir zu einem innersten Ring. Die Einheit der deutschen Judenheit, welche in dem Zeitabsclinitt, um den es geht, die geistig führende Judenheit war, erweist ihre innere Lebendigkeit dadurch, daß sie gegliedert ist. Sie ist kein toter Block. Auch drei Jahrhunderte sind schon eine Zeit, die in mehrere Epochen geteilt werden kann. Mit Recht beginnt der Herausgeber mit den Aufzeichnungen des Ascher Lewi aus Reichshofen im Elsaß zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Aus dessen 35

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