Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Jüdische Gegenwart und hellenistisches Erbe
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 30 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ilse Abramczyk: Jüdische Gegenwart und hellenisches Erbe Gestalthaftigkeit, ihr menschliches Antlitz nicht hinwegdenken. Auch bei vielen sittlich bedeutenden Gestalten der späteren Geistesgeschichte der Griechen und ihrer römischen Beherrscher und Schüler werden wir finden, daß sie ein ganz anderes Verhältnis als das einer bloßen Toleranz mit den religiösen Traditionen ihrer Umwelt verbindet. Aristoteles, der die Herrlichkeit des „Ersten Bewegers" so hinreißend zu preisen gewußt hat und in dem die großen Kirchenlehrer aller drei monotheistischen Religionen — unter ihnen auch Maimonides — ihren Meister verehren, trug in seinem Testament seinem Adoptivsohn Nikanor auf, im Falle einer glücklichen Heimkehr vom Alexander-Feldzug Zeus, dem Retter, und Athene, der Retterin, Standbilder errichten zu lassen. Es ist jenes uns durch Diogenes Laertius überlieferte Testament, das in seiner treuen und umsichtigen Fürsorge für alle den Aristoteles umgebenden Menschen, vom bedeutendsten seiner Schüler bis herab zum letzten seiner Sklaven, die hohe Auffassung bezeugt, die dieser Philosoph von seinen menschlichen Pflichten hatte. Vielleicht am allereindringlichsten aber tritt uns die ganze Problematik des Begriffes „Heidentum" in der Gestalt des Kaisers Marc Aurel entgegen. Dieser Jünger der Stoa auf dem Thron der Cäsaren war gleichzeitig auch ein echter Sohn jener Renaissance des althellenischen Götterglaubens, die das geistige Antlitz des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts geprägt hat. Neben dem großen lebendigen Kosmos, als dessen Glied er sich fühlte und aus dessen einigem, alles durchpulsendem Leben er seine Pflicht herleitete, alles, was Menschenantlitz trägt, hingebend und werktätig zu lieben, sind dem Marc Aurel doch immer auch „die Götter" gegenwärtig gewesen. Das ergreifendste Zeugnis dafür bildet wohl der letzte Abschnitt des autobiographischen ersten Buches der „Selbstbetrachtungen", wo Kaiser Marcus alles Unvollkommene seines Lebens sich selbst zuschreibt, alles Wohlgeratene aber auf die Götter zurückführt und ihnen dafür dankt, daß sie ihn nicht in Versuchung geführt, sondern davor bewahrt haben, sich an seinen Nächsten zu versündigen, und daß sie ihn die Menschen finden ließen, die ihm für seine Philosophie und für sein Herrscheramt die rechten Lehrer und Vorbilder gewesen sind. Und ebenso hören wir den spätantiken Denker und Weltbeherrscher in Anlehnung an Piaton, aber gleichzeitig aus der inneren Erfahrung des eigenen Lebens heraus sagen, daß es eine mächtige Hilfe zum Gutsein bedeute, die Götter im Herzen zu tragen und sich bewußt zu halten, daß ihnen nicht an Schmeichelei gelegen ist, sondern daran, daß alle vernunftbegabten Wesen ihnen ähnlich zu werden trachten, und daß der Mensch in seinen Handlungen sein Menschentum offenbare. So gestalten sich denn die Bilder, die wir hier aus der Geistesgeschichte des klassischen Altertums heraufzubeschwören suchten, zu einer Mahnung, uns das Ringen um den letzten und höchsten, 30